Sexueller Fetischismus | diagnostik und behandlung

Diagnostik und Behandlung

Die sexuelle Vorliebe für einzelne Körperteile, Kleidungsstücke oder andere Gegenstände gilt allgemein als gewöhnliche Spielart menschlicher Sexualität. Unter bestimmten Bedingungen kann eine solche Fixierung jedoch als krankhafte psychische Störung, als Paraphilie, eingestuft werden. Erst wenn die diagnostischen Bedingungen der Paraphilie erfüllt sind und nur dann, wenn das Lustobjekt ein unbelebter Gegenstand ist, sprechen Wissenschaftler von einem behandlungsbedürftigen Fetischismus im Sinne der medizinischen-psychologischen Definition. Fetischismus kann auch als Begleitsymptom einer komplexeren psychischen Störung auftreten.[38]

Diagnosekriterien

Fetischismus kann nach ICD-10-GM mit dem Schlüssel F65.0 unter bestimmten Voraussetzungen als Störung der Sexualpräferenz und damit als psychische Erkrankung diagnostiziert werden. Die Definition der ICD-10 lautet:

„Gebrauch toter Objekte als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung. Viele Fetische stellen eine Erweiterung des menschlichen Körpers dar, z. B. Kleidungsstücke oder Schuhwerk. Andere gebräuchliche Beispiele sind Gegenstände aus Gummi, Plastik oder Leder. Die Fetischobjekte haben individuell wechselnde Bedeutung. In einigen Fällen dienen sie lediglich der Verstärkung der auf üblichem Wege erreichten sexuellen Erregung (z. B. wenn der Partner ein bestimmtes Kleidungsstück tragen soll).“

– ICD-10-GM Version 2005

Entscheidend für die Diagnose eines Fetischismus ist wie bei allen anderen Paraphilien auch, das korrekte hierarchische Vorgehen, wie es das ICD-10 verlangt. Somit müssen für die Diagnosestellung einer Kategorie F65.x, in diesem Falle F65.0, zunächst die diagnostischen Kriterien für die Gesamtkategorie F65 erfüllt sein. Laut diesen diagnostischen Kriterien ist die Diagnose nur stellbar, wenn über einen

  • 1. Zeitraum von mindestens sechs Monaten
  • 2. ungewöhnliche sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen auftreten, die
  • 3. in unterschiedlichen Funktionsbereichen Leiden und Beeinträchtigung bei den Betroffenen oder ihren Objekten verursachen.

Die Anforderung des hierarchischen Vorgehens in der Diagnostik wird nur in den Textausgaben des ICD-10-GM aufgeführt, in den handelsüblichen Diagnoseschlüssel-Listen werden diese Kriterien nicht erläutert. Dies kann unter Umständen eine Fehldiagnose begünstigen, da das Diagnoseschema einigen Allgemeinärzten, Psychiatern oder Psychologen nicht bekannt ist.

Ein weiterer Anlass für Fehldiagnosen ist der Gebrauch des Wortes „tot“ in der neuesten deutschen Textversion. Dies wurde in Buchausgaben des ICD-10 mit „gegenständlich“ beschrieben und im DSM-IV mit „unbelebt“. Per Definition ist demnach die Fixierung auf einzelne Körperteile kein sexueller Fetischismus, selbst dann, wenn es sich um die tatsächlich toten Körperteile einer Leiche handelt. Diese Fixierungen sind jeweils als andere Formen der Paraphilie zu diagnostizieren. Die Ausgrenzung des Körperteilfetischismus wird von vielen als Manko betrachtet.

Viele Sexualwissenschaftler bevorzugen die amerikanische Definition des DSM-IV, Schlüssel 302.81. Hierin wird kein hierarchisches Vorgehen verlangt, sondern zu jeder einzelnen psychischen Störung werden die diagnostischen Kriterien unter der jeweiligen Klassifikation einzeln ausgeführt. Dadurch kommt es bei Diagnosestellung nach DSM seltener zu Fehldiagnosen.[13] Einige Forscher kritisieren, dass der Begriff Fetischismus immer häufiger in Fällen angewandt wird, in denen keine sexuelle Komponente erkennbar ist und fordern eine Rückbesinnung auf diesen zentralen Sachbestand.[39]

Kritik am Diagnoseschlüssel des ICD-10 F65.X

Diese Festlegungen sind umstritten, da sie vielfach als diskriminierend empfunden werden, und einige Aktivisten und Organisationen fordern die Kriterien des F65 zu ändern oder ganz zu entfernen, um die Betroffenen nicht als psychisch Gestörte zu stigmatisieren. So setzt sich beispielsweise das Projekt ReviseF65 dafür ein, die ICD-Diagnosekriterien von Fetischismus, fetischistischem Transvestitismus und Sadomasochismus abzuändern.[40][41]

Befürworter sehen in den Diagnosekriterien die Definition eines bestimmten Sozial- und Sexualverhalten mit den daraus entstehenden Folgen im Einzelfall als gesundheitliches Problem beziehungsweise Erkrankung und die dadurch erst ermöglichte Behandlung mit Kostenübernahme aus Sicht der Kostenträger. Ebenso kann durch die abgrenzbare Diagnostik auch in der Rechtsprechung eine Entscheidung zugunsten des behandlungsbedürftigen Fetischisten getroffen werden oder der Ausgang eines Verfahrens von der Bereitschaft zu einer Therapie abhängig gemacht werden und durch Anerkenntnis einer psychischen Erkrankung zu einem für den Betroffenen günstigeren Verfahrensausgang führen.[42]

Behandlung

Es gibt kein einheitliches Behandlungskonzept für sexuellen Fetischismus. Die Behandlung ist vom jeweiligen Arzt und seiner Fachrichtung abhängig. Alle Therapieformen der Psychotherapie kommen in Frage, insbesondere die Psychoanalyse und die kognitive Verhaltenstherapie; letztere kann durch Medikamente unterstützt werden. Die meisten Behandlungen erstrecken sich über einen längeren Zeitraum, und häufig wird eine Behandlung sich auch mit weiter gefassten Problematiken beschäftigen müssen, beispielsweise mit Partnerschaftsproblemen oder sozialen Integrationsstörungen, die durch das fetischistische Verhalten ausgelöst oder begünstigt werden. Eine Behandlung sollte im Idealfall auf der Freiwilligkeit des Patienten beruhen, bei gerichtlicher Anordnung einer Behandlung ist ein Erfolg gegen den Willen des Patienten kaum abzusehen.[34]

Psychotherapeutische Behandlung

Eine Möglichkeit der Verhaltenstherapie ist aversive Konditionierung: Der Patient wird mit seinem Fetisch konfrontiert und gleichzeitig oder kurz darauf einem unangenehmen Reiz ausgesetzt. Gemäß der Konditionierung assoziiert der Patient den angenehmen Fetisch mit dem aversiven Reiz und lernt so, den Fetisch zu vermeiden. Eine Möglichkeit der Umsetzung ist die verdeckte Sensibilisierung. Dabei werden dem Patienten Szenen fetischistischen Inhalts gezeigt, gefolgt von Szenen mit unangenehmem Inhalt. Eine andere Möglichkeit ist die assistierte verdeckte Sensibilisierung, bei der ein Assistent einen unangenehmen Geruch als aversiven Reiz freisetzt.[43][34]

Eine andere Möglichkeit ist der Gedankenstopp. Der Patient wird aufgefordert, an seinen Fetisch zu denken. Dieser Gedankengang wird vom Therapeuten unerwartet durch den Ausruf „Stopp!“ unterbrochen. Nach mehrmaliger Wiederholung wird der Patient angewiesen, diese Technik bei sich selbst anzuwenden. Der Gedankenstopp soll die unerwünschten sexuellen Fantasien im Keim ersticken.

Medikamentöse Behandlung

Die medikamentöse Behandlung ist lediglich zur Unterstützung einer anderen Behandlungsformen geeignet, vielfach erwähnt wird in diesem Zusammenhang die sogenannte „chemische Kastration“, hierbei nimmt der Patient Medikamente ein, die den Spiegel gewisser Sexualhormone senken; bei Männern sind dies in der Regel Antiandrogene. Dies hemmt den Sexualtrieb, wodurch sexuelle Fantasien und Betätigungen seltener werden. Der Patient kann sich so mit seinem Fetisch auseinandersetzen, ohne durch ständige sexuelle Erregung abgelenkt zu werden. Direkten Einfluss auf den Fetischismus selbst haben diese Medikamente nicht, können jedoch Nebenwirkungen haben.[44][34]

Es werden jedoch auch andere medikamentöse Behandlungsformen erforscht. So schlägt beispielsweise eine Fallstudie aus dem Jahr 2006 die Verabreichung des Wirkstoffs Topiramat, eigentlich ein Mittel gegen Epilepsie, zur Behandlung von Fetischismus vor. Im betrachteten Fall führte Psychotherapie nicht zur Linderung der Leiden eines Fußfetischisten, unter der Medikation gingen die Krankheitssymptome aber angeblich ohne Nebenwirkungen zurück.[45]

In anderen Sprachen
Esperanto: Fetiĉo (amoro)
suomi: Fetisismi
galego: Fetichismo
íslenska: Blætisdýrkun
português: Fetiche
română: Fetișism
srpskohrvatski / српскохрватски: Seksualni fetišizam
Simple English: Sexual fetishism
slovenčina: Fetišizmus (sex)
српски / srpski: Seksualni fetišizam
Tiếng Việt: Ái vật
中文: 戀物