Robert Rauschenberg | 1970er und 1980er jahre sowie r.o.c.i.

1970er und 1980er Jahre sowie R.O.C.I.

In den 1970er Jahren versuchte sich Rauschenberg in unterschiedlichen Materialien wie Pappe (Cardboars und Cardbirs) und transparenten Geweben (Hoarfrosts) und er bemühte sich durch symmetrische Anordnung strukturell sehr ähnlicher Elemente die Wirkung zu steigern (Bifocals). Seine Arbeiten besitzen Leichtigkeit, sie sind im Raum platziert und gelegentlich sind Boden und Decke miteinander verknüpft sowie mit halbtransparentem Gewebe bespannt. 1973/74 entstand zum Beispiel Sant’Agnese, Untitled (Venetian).

Es zeigte sich eine zögerliche Öffnung der Farbe gegenüber. Hier erkennt man den Einfluss Josef Albers – Rauschenbergs Lehrer am Black Mountain College. Dieser legte ihm einen bedächtigen Umgang mit Farbe auf.

Ende der 1970er Jahre begann Rauschenberg mit The ¼ Mile or 2 Furlong Piece: Die Arbeit sollte eine Antwort auf die Verwirrungen der damaligen Zeit wie Verzweiflung über Kambodscha oder Vietnam werden. Das Werk ist über 400 Meter lang und besteht aus Collagen, Gemälden und Objekten. Es ist ein unmittelbarer Reflex des Künstlers auf seine Zeit – eine Chronik seiner Imaginationen, Erlebnissen, Ängsten und Obsessionen.

1983 besann sich Rauschenberg auf Techniken, die er 20 Jahre früher angewendet hatte. Hierbei ging es ihm um das Festhalten, Bergen und Konservieren von Bildern die ursprünglich in einem anderen Zusammenhang vorgesehen waren. Rauschenberg griff die Siebdrucktechnik wieder in breiterem Umfang für großformatige Leinwände auf. Nun entnahm er seine Motive nicht mehr den Massenmedien, sondern legte eigene Fotos zugrunde.

Die 1970er und 1980er Jahre waren für Rauschenberg allgemein eine Zeit der großen Projekte, Reisen und Kooperationen. 1971 verlegte er seinen Wohnsitz von New York nach Captiva Island, Florida, und gründete einen eigenen Verlag und ein Studio, außerdem Change Inc., eine gemeinnützige Organisation, die Mittel für in Not geratene Künstler bereitstellt.

1984 begann das weltumspannende Projekt Rauschenberg Overseas Culture Interchange (ROCI), eine Wanderausstellung mit einem wechselnden Bestand an rund 200 Kunstwerken, die in Zusammenarbeit mit Künstlern und Handwerkern in den jeweiligen Ländern entstanden sind. Der Künstler bereiste von 1984 bis 1991 zehn Länder, um das jeweils Kulturspezifische bildnerisch zu verarbeiten – in Zusammenarbeit mit den Künstlern vor Ort. Die Stationen waren Kuba und Chile, Venezuela, Tibet und Russland, Venezuela, Mexiko, Malaysia, Japan und Berlin – 1990 noch als Hauptstadt der DDR. „ROCI begann mit meinem Entschluss, etwas gegen die Weltkrise zu tun“, sagte er. „Statt Midlife Crisis ging ich eben auf Weltreise.“[1]

Riding Bikes, Berlin, 1998

Das New Yorker Guggenheim Museum eröffnete 1998 Rauschenbergs Welttournee mit 400 - auch neueren - Werken. Die zweite Station war Houston im Bau des Museums of Fine Arts. Man sprach von einer Rauschenberg-Renaissance. Der 72-jährige Künstler war mit seiner 94-jährigen Mutter anwesend, tanzte nach der Vernissage im Bayou Club zu Waschbrettklängen einer Tejano-Band. Das erinnerte an die musikalische Ader des Allroundtalents und Grammypreisträgers, das 1951 bis 1965 in der Dance Company von Merce Cunningham mitwirkte, Bühnendekorationen schuf, choreographierte und komponierte. Die Werkshow, jedenfalls, ging anschließend mit 300 Werken in das Museum Ludwig nach Köln. Mit 80 Rauschenberg-Werken ist es die wichtigste und größten Sammlung in Europa. Dank des Sammlers Peter Ludwig, dem Entdecker und Förderer Rauschenbergs, läßt sich hier noch heute dessen Karriere bis zu den Anfängen verfolgen.[2]

Die 1990 gegründete Robert Rauschenberg Foundation widmet sich als gemeinnützige Einrichtung wissenschaftlichen Forschungsprojekten und politisch-gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit.

Der Künstler Rauschenberg ist neben diesen Aktivitäten immer präsent geblieben – die Bilder und Skulpturen der 1990er Jahre zeigen ihn als erfindungsreichen Fortführer des in den 1950er Jahren entwickelten Konzepts der „Combines“, das heißt seines Anspruchs einer möglichst verlustlosen Umsetzung von Realität in Kunst.

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