Barbara Tuchman | werk

Werk

Tuchman wurde durch den Vorabdruck ihres Buches August 1914 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1964 in Deutschland über die Fachkreise hinaus sehr bekannt. Der Erfolg des Buches in Deutschland lag auch daran, dass es 1962 noch keine Monographie zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab und man auf die knappen Darstellungen in Handbüchern und Schulbüchern angewiesen war. [3] In den Vereinigten Staaten gehörte das Buch 2014 zu den viel verkauften Werken über den Ersten Weltkrieg; in Deutschland erschien 2013 eine Neuausgabe.

Sie ist keine Schöpferin neuer Ansätze in der Geschichtswissenschaft; selbst neu aufgekommene zeitgenössische Methoden benutzte sie selten und nur teilweise. Sie vertrat eine konventionelle ereignisgeschichtliche [4] Betrachtungsweise und beschrieb das Handeln politischer Akteure und die sich daraus ergebenden Folgen im Einzelfall. Beispielsweise schilderte sie, wie sich Lyndon B. Johnson, der sozial denkende und innenpolitisch gewiefte Präsident der Vereinigten Staaten (1963–1969), im Vietnamkrieg auf seine innenpolitischen Erfahrungen verließ und damit im außenpolitischen Umfeld kläglich und fast unverschuldet Schiffbruch erlitt. [5]

Sie befasste sich weniger mit Strukturen [6], unentrinnbaren Gesetzmäßigkeiten, Epochen, Zyklen [7] und Modellen der Geschichte als mit den Schwächen und Tugenden der Staatslenker in Entscheidungssituationen. Allgegenwärtig sind die Bornierten und die Wunschdenker, aber auch die charakterlichen und geistigen Lichtgestalten. Selbst Bezüge zur immer beliebter gewordenen Alltagsgeschichte stellte Tuchman nur sparsam her. Eine längere Untersuchung widmete sie allerdings der Mentalitäts- und Kulturgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg. Die Methoden der Politik- und Ereignisgeschichte seien nicht ausreichend, um ein Phänomen von so erschreckender Bösartigkeit zu erklären. [8] Aus Geschichte kann man nach Tuchmans Überzeugung trotz aller Einmaligkeit des jeweils Geschehenen lernen; Politikberatung durch Historiker ist erlaubt und geboten. Auch die Politische Biographie hat ihre Berechtigung als Prisma der Geschichte.

Ihre Themenwahl und Fragestellungen machten ihre große Monographie Sand gegen den Wind über die amerikanische Kriegsführung in China, Burma und Indien im Zweiten Weltkrieg zu einem heute noch nützlichen Standardwerk. Gleiches gilt für ihre letzte größere Untersuchung, eine Monographie über die Frühgeschichte der Vereinigten Staaten: Der erste Salut. Neben geschickter Heuristik [9] pflegte Tuchman einen abwechslungsreichen und verständlichen Erzählstil, der zum Durchlesen der Bücher in einem Zug animiert und nicht nur zum Nachblättern.

Die scheinbare wissenschaftliche Rückständigkeit von Tuchmans Methoden führte in der von ihr untersuchten Ereignis- und Politikgeschichte zu klaren und lebensnahen Urteilen. Dort werden die Protagonisten trotz aller Strukturen, Modelle und Mechanismen in Gewinner und Verlierer eingeteilt, nicht zuletzt von ihren Neben- und Randfiguren, die Ergebnisse politischen Handelns an Leib und Vermögen oft selbst am deutlichsten zu spüren bekommen.

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