9. Jahrhundert | byzanz und die muslimische welt

Byzanz und die muslimische Welt

Byzanz

Byzantinisches Reich im Jahr 867

Das Byzantinische Reich erlitt in der ersten Hälfte des Jahrhunderts einige militärische Niederlagen. Nach mehreren Niederlagen gegen die Bulgaren verlor es Gebiete auf der Balkanhalbinsel. Ferner wurden die Inseln Kreta und Sizilien durch muslimische Truppen erobert. Wenn auch nur kurzfristig gingen auch Gebiete in Süditalien und Kleinasien an diese verloren. Ab den 840er Jahren profitierten die Byzantiner von den inneren Auseinandersetzungen im Kalifat. Die Flotte gewann wieder an Bedeutung und in Ostanatolien und Syrien eroberten die Byzantiner wieder Gebiete zurück. Die erfolgte Christianisierung der Bulgaren nach byzantinischem Ritus brachte jedoch nur kurzfristig Erleichterung.

Innenpolitisch wechselten sich insbesondere in der ersten Jahrhunderthälfte starke und schwache Kaiser ab. Sie kämpften und besiegten Usurpatoren, wie Thomas den Slawen (823), und als häretisch angesehene religiöse Bewegungen wie die Paulikianer. Besondere Aufmerksamkeit erlangte der Streit um die Verehrung religiöser Bilder des 8. Jahrhunderts, der vor dem Hintergrund der äußeren Bedrohungen und Niederlagen in der ersten Jahrhunderthälfte wiederauflebte. Im Jahr 843 wurde die Bilderverehrung wieder zugelassen und der Streit beendet.

Die Finanzreformen des Kaisers Nikephoros I. im ersten Jahrzehnt schafften Byzanz eine finanzpolitische Grundlage für seine militärischen Unternehmungen in den folgenden Jahren. Im Jahr 867 setzte sich die Makedonische Dynastie, die Byzanz fast zwei Jahrhunderte lang regierte, durch. In der zweiten Jahrhunderthälfte hatte sich die außenpolitische Bedrohung so entspannt, dass ein von den Kaisern geförderter kultureller Aufschwung, die Makedonische Renaissance, stattfand. Dabei kam es zu einer verstärkten Rückbesinnung auf die Kultur der Antike, wobei jedoch die Pflege der antiken Tradition von Byzanz auch zuvor niemals ganz aufgegeben worden war.

Das byzantinische Reich war in Bezirke, die Themen genannt wurden, aufgegliedert. Diese wurden von militärischen Befehlshabern regiert, die auch Machtbefugnisse über die zivile Verwaltung hatten. Vielen Soldaten gehörte Landbesitz, der ihnen als wirtschaftliche Grundlage zur Ausübung ihres Kriegsdienstes diente.[18] Im Übrigen weitete der die Themen beherrschende Adel seinen Grundbesitz zu Lasten der kleinen Bauern aus, die von ihm abhängig wurden.

In der zweiten Jahrhunderthälfte nahm der Patriarch Photios I. eine bedeutende Rolle in der Vertretung der byzantinischen Kirche ein. Mit mehreren Päpsten hatte er Auseinandersetzungen über religiöse und kirchenpolitische Themen. Im selben Zeitraum sandte Byzanz Missionare aus, um die Chasaren, die Bulgaren und Slawen zum christlichen Glauben zu bekehren.

Muslimische Welt

Politische Entwicklung

Das abbasidische Kalifenreich um das Jahr 850

Anfang des Jahrhunderts beherrschten die Kalifen, die der Abbasiden-Dynastie angehörten, ein Gebiet, das von Nordafrika bis nach Zentralasien reichte. Die Kalifen, deren Amt erblich war, hatten die oberste weltliche und religiöse Autorität inne und regierten ihr Kalifat zentralistisch von Bagdad aus. Diese Stadt war mit fast einer Million Einwohnern zu Beginn des Jahrhunderts eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt.[19] Über die Nachfolge des Kalifen Hārūn ar-Raschīd brach unter seinen Söhnen im Jahr 811 ein zweijähriger Erbfolgekrieg aus, in dessen Folge insbesondere die Umgebung von Bagdad stark zerstört wurde. Auch unter dem Sieger al-Ma'mūn kam es zu verschiedenen Aufständen und Revolten, die dieser jedoch niederschlagen konnte. Dessen Nachfolger Al-Mu'tasim bi-'llāh reagierte auf die politisch instabile Situation und baute sich eine „Privatarmee“ aus Militärsklaven, die Mamluken genannt wurden, auf.[20] Als Angehörige der Turkvölker Zentralasiens, die im Kalifat keine Wurzeln hatten, waren die Militärsklaven stark an den Kalifen gebunden. Nachdem sie eine gewisse Zeit gedient hatten, wurden sie freigelassen. Einige der Freigelassenen stiegen rasch in hohe militärische und zivile Posten im Kalifat auf.[21] Da sich diese Sklaventruppe nicht in das Großstadtleben Bagdads integrieren ließ, zog der Kalif mit ihnen in das rund 125 km entfernte Samarra, das bis zum Jahr 892 die Residenz der Kalifen blieb. Die Mamluken-Truppe vergrößerte sich schnell und erlangte in der zweiten Jahrhunderthälfte die Macht zu bestimmen, welches Mitglied der Abbasiden-Familie Kalif wurde. Die Herrschaft mehrerer Kalifen beendeten sie durch Mord. Neben Truppen von freien Söldnern war der Typ der Mamluken-Armee der vorherrschende Armeetyp des Kalifats. Das Militär verbrauchte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen. Aufgrund der finanziellen Lage vergaben die Kalifen zunehmend Grundstücke als Lehen, sogenannte iqta, an hohe Militärs. Diese stärkten die Macht der Lehnsinhaber. Auch in den folgenden Jahrhunderten konnten Angehörige der Mamluken immer wieder höchste Ämter in der islamischen Welt erringen.[21]

Die in der Landwirtschaft um Basra tätigen afrikanischen Sklaven, die Zandsch, konnten im Zuge ihres Aufstandes der Jahre 869 einen eigenen Staat etablieren. Dieser wurde im Jahr 892 vom abbasidischen Militär zerstört.[22]

Zur Ausübung ihrer Herrschaft bedienten sich die Kalifen einer Hierarchie von Amtsträgern. Die obersten Amtsträger standen in persönlicher Bindung zum Herrscher. Trotz dieser Bindung wurden gegenüber der vorabbasidischen Zeit hohe Anforderungen an die Kompetenz der Amtsträger gestellt. In den Provinzen waren die Gouverneure die obersten Amtsträger, die die lokale Verteilung der Macht mit den lokalen Eliten individuell aushandelten. Zur Kommunikation hatten die Abbasiden ein ausgefeiltes Post- und Nachrichtenwesen etabliert.

Ein weiteres zentrales Element der Verwaltung war die schriftliche Kommunikation auf Papier. Die Kunst der Papierherstellung hatten die Abbasiden von den Chinesen im 8. Jahrhundert übernommen. Zum Ende des 8. Jahrhunderts besaß Bagdad eine Papierfabrik.[23]

Zur Verwaltung der Provinzen des Kalifats setzen die Kalifen Gouverneure ein. Im Laufe des Jahrhunderts erlangten immer mehr Gouverneure ihre politische Eigenständigkeit von den Kalifen, wobei sie ihre weltliche und religiöse Oberherrschaft formell anerkannten. Anfang des Jahrhunderts setzten die Kalifen die türkischstämmige Dynastie der Aghlabiden als Gouverneure der nordafrikanischen Provinz Ifrīqiya ein.[24] Diese machten sich kurz nach ihrer Einsetzung vom Kalifat politisch unabhängig. Die Aghlabiden herrschten über eine weitgehend muslimische und arabisierte Bevölkerung, die aber sehr unruhig war.[24] Dies war ein Motiv, den größten Teil Siziliens und Gebiete in Süditalien von Byzanz erobern zu lassen. Während sie ihre Gebietserwerbungen in Sizilien halten konnten, konnten die Byzantiner die Gebiete in Süditalien zum Ende des Jahrhunderts zurückerobern. Dennoch erlangten sie durch die Eroberungen eine bedeutende Stellung im westlichen Mittelmeer, was der Provinz Ifriqiya zugutekam. Investitionen in die Landwirtschaft und die Förderung von Handel und Gewerbe trugen zur wirtschaftlichen Blüte bei. Die Stadt Kairouan, die eine Drehscheibe der Transsaharahandels war, blühte kulturell auf.

Auf der griechischen Insel Kreta gründeten muslimische Eroberer ein politisch selbständiges Emirat. Dieses nutzten sie als Basis für zahlreiche Piratenüberfälle im gesamten Mittelmeer. Auch in Ägypten erlangte der lokale Statthalter der Kalifen einen hohen Grad an Selbständigkeit und gründete die Tuluniden-Dynastie.[25]

Anders als im Westen der Kalifenreiches errangen in Zentralasien und Ostpersien sowie dem Süden der arabischen Halbinsel, lokale Familien aus eigener Kraft die eigenständige Herrschaft über die Gebiete.[26] Die Kalifen erkannten im Nachhinein ihre Oberherrschaft an und die Dynastien erkannten im Gegenzug die Kalifen formal an. Die zentralasiatischen Gebiete Chorasan und Transoxanien wurden von lokalen Dynastien, den Tahiriden und den Samaniden beherrscht, die in den 820er Jahren die Eigenständigkeit vom Kalifen erlangten. Am Ende des Jahrhunderts eroberten die Samaniden Chorasan, das inzwischen von den Saffariden beherrscht wurde. Die Gebiete der Samaniden profitierten vom Fernhandel über die Seidenstraße aber auch vom Sklavenhandel vor allem mit türkischstämmigen Sklaven.[27] Ferner war eine intensive Land- und Weidewirtschaft sowie Handel und Gewerbe Teil der samanidischen Wirtschaft.[26] Die Kultur, die stark von den Abbasiden in Bagdad beeinflusst war, aber auch eigenständige Elemente enthielt, blühte.

Recht, Wissenschaft und Kultur

Das Spiralminarett von Samarra, eines der wichtigsten Architekturdenkmäler der Abbasidenzeit

Quelle des Rechts in der islamischen Welt des 9. Jahrhunderts war die Scharia. Wichtigste Wurzeln der Scharia waren der Koran und die Sunna, die Summe aller überlieferten Äußerungen und Handlungen des Religionsstifters Mohammed. Die Scharia als solche war jedoch nicht schriftlich kodifiziert.[28] Vielmehr legten islamische Rechtsgelehrte, die im sunnitischen Islam vier Rechtsschulen angehörten, fest was Scharia war. Bei den politischen und sozialen Auseinandersetzungen der städtischen Gesellschaft des 9. Jahrhunderts waren die Rechtsschulen, die im 8. und 9. Jahrhundert entstanden, von großer Bedeutung.[28] Im 9. Jahrhundert wurden die für die islamische Rechtslehre bedeutenden Aussprüche des Religionsstifters Mohammed, die zuvor mündlich überliefert wurden, zusammengetragen, nach Echtsheitskriterien gefiltert und schriftlich festgehalten.[29] Für die Rechtsprechung setzten die Kalifen und Gouverneure Richter ein, in deren Verfahren schriftliche Urkunden zunehmend wichtiger wurden.

Mit der im 8. Jahrhundert erlangten die Kenntnis der Papierherstellung war im Kalifat ein relativ preisgünstiger Schriftträger verfügbar. Dies führte in diesem Jahrhundert zu einem starken Anstieg schriftlicher Aufzeichnungen. Die dominierende Schrift- und Verwaltungssprache war das Arabische, das sich immer mehr im Kalifenreich durchsetzte. Der Entstehungsprozess der arabischen Hochsprache, die eine eindeutige Grammatik hat, hatte im 8. Jahrhundert begonnen und setzte sich im 9. Jahrhundert fort.[29] Sehr oft behandelten die Schriftstücke religiöse Inhalte und die mit ihnen verwandten juristischen und geschichtlichen Themen. Andere Schriftstücke widmeten sich naturwissenschaftlichen und philosophischen Themen. Schließlich wurden auch zahlreiche Werke fiktionaler Literatur in Poesie und Prosa geschaffen. Die von den Kalifen und hohen Amtsträgern des Kalifenreiches geförderte mannigfaltige Beschäftigung mit Religion, Wissenschaft und Kultur wird oft als Blütezeit des Islam, „Goldenes Zeitalter des Islam“ oder „Blütezeit der islamischen Kultur“[22] bezeichnet.

Ein sehr wichtiger Ausgangspunkt für die Kenntnisse in den nicht mit der Religion verwobenen Wissenschaften, wie Mathematik, Geographie, Astronomie und Medizin, dieser Zeit war das Wissen der griechischen Antike. Griechische Schriften wurden systematisch gesammelt und übersetzt, wobei christliche Übersetzer eine große Rolle spielten. Ferner wurde Wissen aus anderen Kulturen über das muslimische Handelsnetz erworben. Die Übernahme des dezimalen Zahlensystems aus Indien, heute auch arabisches Ziffernsystem genannt, war die Basis für große Fortschritte in der Mathematik und anderen Naturwissenschaften. Eine wichtige Institution dieser wissenschaftlichen Entfaltung war das im Jahre 830 gegründete Haus der Weisheit, ein Bibliothekssaal, in dem sehr viele Handschriften zentral gesammelt wurden.

Nach der islamischen Expansion im 7. und 8. Jahrhundert wurde die Bevölkerung der eroberten Gebiete zu großen Teilen nicht gezwungen zum Islam zu konvertieren. Dennoch konvertierten zahlreiche Angehörige anderer Religionen zum Islam. Im 9. Jahrhundert nahm die Zahl der Christen oder Zoroastrier in weiten Teilen des Kalifenreichs stark ab.[22] Im Gegensatz zu den meisten anderen Provinzen blieb jedoch in Ägypten der überwiegende Teil der Bevölkerung christlich.[30]

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