Max Frisch

Max Frisch (ca. 1974)

Max Rudolf Frisch (* 15. Mai 1911 in Zürich; † 4. April 1991 ebenda) war ein Schweizer Schriftsteller und Architekt. Mit Theaterstücken wie Biedermann und die Brandstifter oder Andorra sowie mit seinen drei großen Romanen Stiller, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein erreichte Frisch ein breites Publikum und fand Eingang in den Schulkanon. Darüber hinaus veröffentlichte er Hörspiele, Erzählungen und kleinere Prosatexte sowie zwei literarische Tagebücher über die Zeiträume 1946 bis 1949 und 1966 bis 1971.

Der junge Max Frisch empfand bürgerliche und künstlerische Existenz als unvereinbar und war lange Zeit unsicher, welchen Lebensentwurf er wählen sollte. Infolgedessen absolvierte Frisch nach einem abgebrochenen Germanistik-Studium und ersten literarischen Arbeiten ein Studium der Architektur und arbeitete einige Jahre lang als Architekt. Erst nach dem Erfolg seines Romans Stiller entschied er sich endgültig für ein Dasein als Schriftsteller und verließ seine Familie, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können.

Im Zentrum von Frischs Schaffen steht häufig die Auseinandersetzung mit sich selbst, wobei viele der dabei aufgeworfenen Probleme als typisch für den postmodernen Menschen gelten: Finden und Behaupten einer eigenen Identität, insbesondere in der Begegnung mit den festgefügten Bildern anderer, Konstruktion der eigenen Biografie, Geschlechterrollen und ihre Auflösung sowie die Frage, was mit Sprache überhaupt sagbar sei. Im literarisch ausgestalteten Tagebuch, das Autobiografisches mit fiktionalen Elementen verbindet, findet Frisch eine literarische Form, die ihm in besonderem Maße entspricht und in der er auch seine ausgedehnten Reisen reflektiert. Nachdem er jahrelang im Ausland gelebt hatte, beschäftigte Frisch sich nach seiner Rückkehr zudem zunehmend kritisch mit seinem Heimatland, der Schweiz.

Leben

Elternhaus und Schulzeit

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich als zweiter Sohn des Architekten Franz Bruno Frisch und dessen Frau Karolina Bettina Frisch (geb. Wildermuth) geboren. [1] Er hatte eine Halbschwester aus der ersten Ehe des Vaters, Emma Elisabeth (1899–1972), und einen acht Jahre älteren Bruder (1903–1978), der nach dem Vater Franz hieß. Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen, und die finanzielle Lage verschärfte sich, als der Vater während des Ersten Weltkriegs seine Anstellung verlor. Frisch hatte kaum eine emotionale Beziehung zum Vater, stand seiner Mutter dagegen sehr nah.

Während seiner Zeit als Gymnasiast (1924–1930) schrieb Frisch erste Stücke, die er erfolglos zur Aufführung zu bringen versuchte und später vernichtete. Am Gymnasium lernte er darüber hinaus Werner Coninx kennen, dessen Vater einen Verlag besaß und dessen Kenntnisse über Literatur und Philosophie Frisch im Laufe ihrer langjährigen Freundschaft zahlreiche Impulse gaben.

Germanistikstudium und Arbeit als Journalist

Hauptgebäude der Universität Zürich, an der Frisch ab 1930 Germanistik studierte

Dem Wunsch seiner Eltern gemäß, die ihren Kindern ein Studium nach freier Wahl ermöglichen wollten, begann Frisch im Wintersemester 1930/31 ein Germanistik-Studium an der Universität Zürich. Auf der einen Seite traf Frisch hier auf Professoren, die ihn beeindruckten und ihm Kontakte zu Verlagen und Zeitungen vermitteln konnten, darunter Robert Faesi, Schriftsteller und Professor für neuere und schweizerische Literatur, und den Romanisten Theophil Spoerri. Auf der anderen Seite stellte er fest, dass der akademische Lehrplan ihm nicht das solide schriftstellerische Handwerkszeug vermitteln konnte, das er sich von dem Studium erhofft hatte. [2] Im Nebenfach belegte Frisch Forensische Psychologie, von der er sich tiefere Einsichten in den Kern menschlicher Existenz versprach.

Frischs erster Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) stammt aus dem Mai 1931. Als im März 1932 sein Vater starb, konzentrierte er sich zunehmend auf die journalistische Arbeit, um sich und seiner Mutter ein Auskommen zu sichern. Dieser Schritt ist Thema des im April 1932 entstandenen Essays Was bin ich?, der als eigentlicher Auftakt seiner freiberuflichen Tätigkeit gilt und bereits ein Grundproblem des gesamten späteren Werks zu erkennen gibt. In den folgenden drei Jahren entstanden über 100 journalistische und literarische Arbeiten, die sich weitgehend auf autobiografische Selbsterforschung und die Verarbeitung privater Erlebnisse konzentrieren, etwa der Trennung von der 18-jährigen Schauspielerin Else Schebesta, in die Frisch sich verliebt hatte. Nur wenige dieser Texte wurden später in die Werksausgabe aufgenommen. Schon während ihrer Entstehung hatte der Autor selbst bisweilen den Eindruck, dass die Selbstreflexion überhandnehme, und versuchte sich durch körperliche Arbeit abzulenken, etwa bei einer studentischen Arbeitskolonie im Straßenbau 1932.

Von Februar bis Oktober 1933 erfüllte Frisch sich den Wunsch einer ausgedehnten Auslandsreise, die er durch während der Reise verfasste Feuilletonbeiträge finanzierte. So berichtete er unter anderem für die NZZ von der Eishockey-Weltmeisterschaft in Prag. Weitere Stationen waren Budapest, Belgrad, Sarajevo, Dubrovnik, Zagreb, Istanbul, Athen, Bari und Rom. Aus den Erlebnissen dieser Reise entstand Frischs erster Roman Jürg Reinhart, der 1934 erschien. Die Romanfigur Jürg Reinhart ist hierin ein Alter Ego Frischs, der im Zuge einer Balkan-Reise versucht, seine Position im Leben zu bestimmen. Hierbei kommt er zu dem Schluss, sich nur durch eine „männliche Tat“ seiner Reife vergewissern zu können, und vollzieht diese, indem er der todkranken Tochter seiner Pensionswirtin Sterbehilfe gewährt. Den Bedeutungswandel, den der Begriff „ Euthanasie“ wenige Jahre später durch die Nationalsozialisten erfahren würde, vermochte Frisch zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Neben seiner Arbeit für verschiedene Zeitungen belegte Frisch bis 1934 weiterhin Kurse an der Universität. [3] Im Sommersemester 1934 [4] lernte er die drei Jahre jüngere Käte Rubensohn kennen, mit der ihn in den folgenden Jahren eine Liebesbeziehung verband. Als deutsche Jüdin war Rubensohn aus Berlin emigriert, um weiter studieren zu können. Als Frisch 1935 zum ersten Mal ins Deutsche Reich reiste, bezog er in seinem Kleinen Tagebuch einer deutschen Reise kritisch Stellung gegenüber dem Antisemitismus, äußerte sich jedoch bewundernd über die „rassekundliche“ Ausstellung Wunder des Lebens von Herbert Bayer. [5] Frisch wusste die Folgen des Nationalsozialismus in den 1930er Jahren noch nicht abzuschätzen und konnte seine unpolitischen ersten Romane problemlos bei der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlichen, die der nationalsozialistischen Zensur unterlag. Erst im Laufe der 1940er Jahre begann Frisch, ein kritisches politisches Bewusstsein zu entwickeln. Diese zögerliche Entwicklung wird heute zum Teil mit dem konservativen Klima an der Universität Zürich erklärt, an der einzelne Professoren sogar Sympathien für Hitler und Mussolini pflegten. [3] Dass Frisch solche Sympathien fremd waren, erklärte er später selbstkritisch mit seiner Liebe zu Käte Rubensohn. [6]

Hinwendung zur Architektur und Familiengründung

Hauptgebäude der ETH Zürich, an der Frisch ab 1936 Architektur studierte

Im Gefühl, bei seinem Germanistikstudium keinen echten Beruf erlernt zu haben, suchte Frisch nach einer nicht literarischen, aber ebenfalls kreativen Alternative zum Journalismus. Mit einem Stipendium seines Freunds Werner Coninx ausgestattet, begann er 1936 ein Studium der Architektur an der ETH Zürich. Zu diesem Schritt hatte ihn auch Käte Rubensohn angeregt. Im gleichen Jahr zog sie ihre Zustimmung zu einer bereits beim Standesamt angemeldeten Heirat zurück, weil sie nicht aus Mitleid wegen ihrer unsicheren Situation als deutsche Jüdin in der Schweiz geheiratet werden wollte. Zuvor war es lange Frisch gewesen, der sich der Ehe widersetzt hatte, für die er sich nicht geschaffen glaubte. Im Herbst 1937 trennten sich beide, im Frühjahr des Folgejahres zog Rubensohn nach Basel. [7]

1937 erschien Frischs zweiter Roman, Antwort aus der Stille, über den er später vernichtend urteilte. Er greift das Thema der „männlichen Tat“ auf, bezieht nun aber ausdrücklich Stellung für einen bürgerlichen Lebensentwurf. Aus dieser Haltung zog Frisch auch privat Konsequenzen: Er ließ die Berufsbezeichnung „Schriftsteller“ aus seinem Pass löschen und verbrannte alle bisherigen Schriften. Frischs Vorsatz, das Schreiben aufzugeben, wurde jedoch bereits 1938 durch den Gewinn des Conrad-Ferdinand-Meyer-Preises konterkariert, der mit immerhin 3000 Schweizer Franken dotiert war: Sein Jahresstipendium betrug zu diesem Zeitpunkt 4000 Franken.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde Frisch Kanonier der Schweizer Armee und leistete bis 1945 insgesamt 650 Aktivdiensttage. Während dieser Zeit begann er wieder zu schreiben und veröffentlichte seine Notizen 1939 unter dem Titel Aus dem Tagebuch eines Soldaten in der Zeitschrift Atlantis (im Folgejahr auch als Buch unter dem Titel Blätter aus dem Brotsack). In ihm kommt eine weitgehend unkritische Haltung zum Soldatenleben und der Stellung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck, die Frisch 1974 in seinem Dienstbüchlein aufarbeitete und auch revidierte.

Nach Frischs Architekturdiplom im Sommer 1940 bot ihm sein Lehrer William Dunkel eine feste Stelle in seinem Architekturbüro an, so dass Frisch Ende 1940 die erste eigene Wohnung beziehen konnte. In Dunkels Atelier lernte er auch die Architektin Gertrud von Meyenburg kennen, die er am 30. Juli 1942 heiratete. Mit ihr hatte er zwei Töchter (Ursula, * 1943, und Charlotte, * 1949) sowie einen Sohn (Hans Peter, * 1944). Seine Tochter Ursula, später Ursula Priess, hat in ihrem 2009 erschienenen Buch Sturz durch alle Spiegel [8] ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater reflektiert.

10-Meter-Sprungturm am Sportbecken des Freibads Letzigraben
Von Frisch entworfener Restaurantpavillon im Freibad Letzigraben

1943 gewann Frisch unter 65 eingereichten Arbeiten den Architekturwettbewerb der Stadt Zürich für den Bau des Freibads Letzigraben (umgangssprachlich auch Letzibad oder Max-Frisch-Bad genannt). [9] Er eröffnete daraufhin sein eigenes Architekturbüro und beschäftigte zeitweise zwei Zeichner. Wegen kriegsbedingter Materialknappheit konnte der Bau jedoch erst 1947 beginnen. Das 1949 eröffnete Bad steht heute unter Denkmalschutz und wurde 2006/07 im Zuge einer Totalsanierung wieder weitgehend in den Originalzustand gebracht. Das Bad Letzigraben ist als öffentlicher Bau sein einziges bekanntes Architekturwerk und gilt mit seinen gestalterischen Qualitäten aus architekturgeschichtlicher Sicht als Referenzentwurf. Die Ausschreibung des Wettbewerbs zum Bau des Letzigrabens folgte nach dem international gewürdigten Referenzbau des Bads Allenmoos von Max Ernst Haefeli und Werner Max Moser, das im Jahr 1938 eröffnet wurde. [10]

Insgesamt entwarf Frisch ein gutes Dutzend Bauwerke, von denen neben dem Freibad jedoch nur zwei Einfamilienhäuser für seinen Bruder Franz sowie ein Landhaus für den Haarwasserfabrikanten K. F. Ferster umgesetzt wurden. Letzterer stellte vor Gericht hohe Schadensersatzansprüche gegen Frisch, nachdem dieser ohne Rücksprache die ursprünglich vereinbarten Maße des Treppenhauses geändert hatte. Frisch rächte sich, indem er dem Protagonisten seines Dramas Biedermann und die Brandstifter den Beruf eines Haarwasserfabrikanten zuschrieb. [11] Auch während seiner Tätigkeit als Architekt hielt Frisch sich meist nur vormittags in seinem Büro auf. Einen großen Teil seiner Zeit widmete er weiterhin der Schriftstellerei. [12]

Arbeiten für das Theater

Frisch besuchte schon während des Studiums regelmäßig Vorstellungen am Schauspielhaus Zürich, das in der Zeit des Nationalsozialismus deutsche Exilanten aufnahm und ein hochkarätiges Programm bot. Sein Direktor Kurt Hirschfeld ermutigte Frisch 1944 zu Arbeiten für das Theater und bot ihm Unterstützung bei deren Umsetzung an. In seinem ersten Stück Santa Cruz (1944, Uraufführung 1946) stellte der gerade verheiratete Frisch die Frage, wie sich Träume und Sehnsüchte des Einzelnen mit dem Eheleben vereinbaren lassen. Schon in dem 1944 veröffentlichten Roman J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen hatte er die Unvereinbarkeit von künstlerischer und bürgerlicher Existenz betont und dabei, in Weiterentwicklung des Protagonisten seines ersten Romans, eine misslingende Liebesbeziehung des Malers Jürg Reinhart geschildert. Im Prosatext Bin oder Die Reise nach Peking griff er die Problematik 1945 nochmals auf.

Die beiden folgenden Theaterstücke stehen unter dem Eindruck des Kriegs: Nun singen sie wieder (1945) wirft die Frage nach der persönlichen Schuld von Soldaten auf, die unmenschliche Befehle ausführen, und behandelt sie aus subjektiver Perspektive der Betroffenen. Das Stück vermeidet undifferenzierte Wertungen und wurde 1946/47 auch auf deutschen Bühnen gespielt. Die NZZ warf Frisch hingegen auf der Titelseite vor, den Terror des Nationalsozialismus zu „verbrämen“, und weigerte sich, eine Erwiderung des Autors abzudrucken. Die Chinesische Mauer (1946) setzt sich mit der Möglichkeit auseinander, dass die Menschheit sich mittels der gerade erfundenen Atombombe selbst ausrotten könnte. Das Stück sorgte für öffentliche Diskussion, ist heute im Vergleich zu Friedrich Dürrenmatts Die Physiker (1962) und Heinar Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer (1964) jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten.

Die Zusammenarbeit mit Hirschfeld ermöglichte Frisch Bekanntschaften, die ihn wesentlich beeinflussten: So lernte er 1946 Carl Zuckmayer kennen und 1947 den jungen Friedrich Dürrenmatt, mit dem ihn trotz Differenzen im künstlerischen Selbstverständnis eine langjährige Freundschaft verband. Im selben Jahr traf Frisch Bertolt Brecht, dessen Arbeit er bewunderte und mit dem er sich nun regelmäßig über künstlerische Fragen austauschte. Brecht ermunterte Frisch zu weiteren Stücken und wies ihn auf die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers hin. Obwohl Brechts Einfluss in Frischs kunsttheoretischen Ansichten und einigen praktischen Arbeiten erkennbar ist, zählt Frisch nicht zu den Schülern Brechts. [13] Er bewahrte sich eine eigenständige Position, die insbesondere durch Skepsis gegenüber der traditionellen politischen Lagerbildung gekennzeichnet war. Dies kommt besonders in dem Stück Als der Krieg zu Ende war zum Ausdruck, in dem Frisch Augenzeugenberichte über die Rote Armee als Besatzungsmacht verarbeitet.

Im April 1946 reiste Frisch zusammen mit Hirschfeld ins Nachkriegsdeutschland. Im August 1948 besuchte er einen internationalen Friedenskongress in Breslau, zu dem zahlreiche Intellektuelle eingeladen waren, die zur politischen Vermittlung zwischen Ost und West beitragen sollten. Da die Gastgeber den Kongress jedoch als Propagandaplattform missbrauchten und kaum ein Austausch zwischen den Gästen stattfand, reiste Frisch vorzeitig nach Warschau weiter, um in seinen Notizheften weiter eigenständige Eindrücke zu sammeln. Dennoch unterstellte ihm die NZZ nach seiner Rückkehr Sympathien mit dem Kommunismus und weigerte sich wiederum, eine Gegendarstellung abzudrucken, so dass Frisch die Zusammenarbeit mit der Zeitung aufkündigte.

Durchbruch als Romancier und freier Schriftsteller

Max Frisch (1955)

Aus den etwa 130 Notizheften, die Frisch in der Nachkriegszeit anlegte, ging 1947 zunächst das literarische Tagebuch mit Marion hervor. Peter Suhrkamp ermutigte Frisch, das Konzept weiter auszubauen, und gab durch persönliche Rückmeldung zu den Texten konkrete Anregungen. 1950 erschien im neu gegründeten Suhrkamp Verlag das Tagebuch 1946–1949, ein Mosaik aus Reiseberichten und autobiografischen Betrachtungen, politischen und literaturtheoretischen Essays sowie literarischen Skizzen, die Frischs Dramen und wesentliche Motive seines erzählerischen Schaffens des kommenden Jahrzehnts vorwegnahmen. Kritiker bescheinigten dem Werk, dass es der Gattung des literarischen Tagebuchs neue Impulse gebe, und seinem Autor, den „Anschluss ans europäische Niveau“ gefunden zu haben. [14] Der kommerzielle Erfolg setzte jedoch erst mit der Neuauflage 1958 ein.

1951 folgte das im Tagebuch bereits skizzierte Drama Graf Öderland um einen Staatsanwalt, der vom bürgerlichen Leben gelangweilt ist und sich auf die Suche nach absoluter Freiheit begibt, wobei er mit einer Axt jeden ermordet, der sich diesem Ziel in den Weg stellt. Öderland endet als Anführer einer revolutionären Freiheitsbewegung und erhält durch diese Position Macht und Verantwortung, die ihn ebenso unfrei machen, wie er es zu Beginn des Stücks war. Das Drama wurde bei Publikum und Kritik zu einem klaren Misserfolg, es wurde vielfach als Ideologiekritik missverstanden oder als nihilistisch verurteilt. Frisch hingegen betrachtete Graf Öderland als eines seiner bedeutendsten Werke und arbeitete es für weitere Aufführungen 1956 und 1961 um, ohne damit eine wesentlich beifälligere Rezeption zu erreichen.

Mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung ausgestattet, bereiste Frisch zwischen April 1951 und Mai 1952 die USA und Mexiko. Während dieser Zeit arbeitete er unter dem Titel Was macht ihr mit der Liebe an einem Vorgänger des späteren Romans Stiller sowie an dem Theaterstück Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie, das im Mai 1953 gleichzeitig in Zürich und Berlin uraufgeführt wurde. In diesem Stück kehrt er zur Thematik des Widerstreits zwischen ehelichen Pflichten und intellektuellen Interessen zurück: Die Hauptfigur des Stücks ist ein parodierter Don Juan, der sich in erster Linie für geometrische Studien und das Schachspiel interessiert und Frauen daher nur einen episodischen Platz in seinem Leben einräumt. Nachdem sein gefühlloses Verhalten zahlreiche Tote gefordert hat, verliebt er sich jedoch in eine frühere Prostituierte.

1954 erschien Frischs Roman Stiller, dessen Protagonist Anatol Ludwig Stiller zunächst behauptet, ein anderer zu sein, im Zuge eines Gerichtsverfahrens jedoch gezwungen wird, seine ursprüngliche Identität als Schweizer Bildhauer wieder anzuerkennen. Bis zu ihrem Tod lebt er daraufhin wieder mit der Ehefrau zusammen, die er in seinem früheren Leben verlassen hatte. Der Roman, der Elemente des Kriminalromans mit einem authentisch wirkenden, tagebuchartigen Erzählstil verbindet, wurde zu einem kommerziellen Erfolg und brachte Frisch eine breite Anerkennung als Schriftsteller ein. Zugleich lobte die Kritik die komplexe Konstruktion und Perspektivik sowie die Verbindung von philosophischen Einsichten mit autobiografischen Erfahrungen. Die These der Unvereinbarkeit von Kunst und Familie tauchte auch im Stiller wieder auf. Nach dessen Erscheinen zog Frisch, der während seiner Ehe zahlreiche Liebschaften pflegte, [15] die Konsequenzen, trennte sich von seiner Familie und bezog in Männedorf in einem Bauernhaus eine eigene kleine Wohnung. Nachdem das Schreiben schon einige Jahre in Folge seine Haupteinnahmequelle gewesen war, schloss er im Januar 1955 auch sein Architekturbüro, um nun ganz als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Ende 1955 begann Frisch mit der Arbeit an dem Roman Homo faber, der 1957 veröffentlicht wurde. Er handelt von einem Ingenieur, der mit seiner rein technisch-rationalen Weltsicht am realen Leben scheitert. Homo faber wurde in den Schulkanon aufgenommen und zu einem von Frischs meistgelesenen Büchern. Die Routen des Protagonisten spiegeln Frischs eigene Reisen während der Entstehungszeit des Romans wider. Sie führten ihn 1956 nach Italien, dann nach einer Schiffspassage über den Atlantik ein zweites Mal in die Vereinigten Staaten, nach Mexiko und Kuba und im Folgejahr nach Griechenland. [16]

Erfolge am Theater und Beziehung zu Ingeborg Bachmann

Das 1958 uraufgeführte Theaterstück Biedermann und die Brandstifter etablierte Frisch als Dramatiker von Weltrang. Es handelt von einem Kleinbürger, der Hausierern Unterschlupf gewährt und trotz deutlicher Anzeichen nicht dagegen einschreitet, dass diese sein Haus niederbrennen. Erste Skizzen waren bereits 1948 unter dem Eindruck der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei entstanden und im Tagebuch 1946–1949 erschienen, 1953 hatte der Bayerische Rundfunk eine Hörspielfassung ausgestrahlt. Frischs Absicht war es, das Selbstvertrauen des Zuschauers zu erschüttern, dass er in einer ähnlichen Gefahrensituation besonnener reagieren würde. Als das Schweizer Publikum das Stück zunächst als reine Warnung vor dem Kommunismus auffasste, fühlte er sich missverstanden. Für die deutsche Uraufführung fügte er daher ein „Nachspiel“ hinzu, das nun als Warnung vor dem Nationalsozialismus verstanden und später wieder gestrichen wurde.

Proben zu Andorra im Schauspielhaus Zürich 1961

Auch das folgende Drama Andorra hatte Frisch bereits im Tagebuch skizziert: Es behandelt die Macht, die ein vorgefasstes Bild der Mitmenschen über den Betroffenen hat. Seine Hauptfigur ist das uneheliche Kind Andri, dessen Vater es als Jude ausgibt. In der Folge muss Andri sich mit antisemitischen Vorurteilen auseinandersetzen und nimmt mit der Zeit Wesenszüge an, die in seiner Umgebung als „typisch jüdisch“ gelten. Der Stoff lag Frisch besonders am Herzen, so dass er innerhalb von drei Jahren fünf Fassungen des Stücks schrieb, bevor es Ende 1961 zur Uraufführung kam. Obwohl es bei Kritik und Publikum erfolgreich war, brachte das Stück Frisch insbesondere nach der Uraufführung in den USA (1963) auch den Vorwurf eines zu leichtfertigen Umgangs mit der jüngsten historischen Wirklichkeit ein. In der Tatsache, dass der vorurteilsbehaftete Umgang mit anderen in Andorra als allgemeiner menschlicher Fehler dargestellt ist, sahen einige Deutsche eine Relativierung der eigenen Schuld.

Im Juli 1958 lernte Frisch die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann kennen. Nachdem er bereits seit 1954 von Frau und Kindern getrennt gelebt hatte, ließ er sich 1959 auch offiziell von seiner ersten Frau Gertrud scheiden. Obwohl Bachmann einen schriftlichen Heiratsantrag ablehnte, folgte Frisch ihr 1960 nach Rom, wo er bis 1965 seinen Lebensmittelpunkt behielt. Die Beziehung gilt als intensiv, jedoch auch als für beide Seiten problematisch: Frisch, der seine sexuelle Untreue selbst stets offen eingestand, reagierte mit starker Eifersucht auf seine neue Partnerin, die für sich die gleichen Rechte einforderte. [17] Sein 1964 veröffentlichter Roman Mein Name sei Gantenbein gilt – wie auch später Bachmanns Roman Malina – als literarische Reaktion auf die Beziehung, die im Winter 1962/63 in Uetikon zerbrochen war. Der Roman verarbeitet das Ende einer Ehe in einem komplexen Stil des Was-wäre-wenn: Identitäten und Biografien der Hauptpersonen wechseln, wie auch Details des ehelichen Lebens. Der Erzähler probiert alternative Geschichten an „wie Kleider“ und kommt doch zu dem Schluss, dass keine davon seiner Erfahrung völlig gerecht wird. Hier greift Frisch die im Tagebuch 1946–1949 geäußerte Auffassung wieder auf, dass das Wesentliche für die Sprache unsagbar bleibe.

Mit ähnlichen Mitteln gestaltete Frisch das Stück Biografie: Ein Spiel. Von den Missverständnissen um Biedermann und die Brandstifter und Andorra enttäuscht, wandte Frisch sich von der Parabelform ab und suchte nach einer neuen Ausdrucksform, die er als „Dramaturgie der Permutation“ bezeichnete. Im Zentrum des Stücks steht ein Verhaltensforscher, der die Möglichkeit erhält, sein Leben noch einmal zu führen, und dabei letztlich keine wesentlich anderen Entscheidungen treffen kann. Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Rudolf Noelte scheiterte im Herbst 1967, eine Woche vor der angekündigten Premiere. Aber auch die 1968 zur Aufführung gebrachte Umsetzung unter Leopold Lindtberg stellte weder den Autor noch Kritik und Publikum zufrieden. Frisch hatte die Zuschauer aufrufen wollen, die Möglichkeiten zur Veränderung im Bewusstsein ihrer Beschränktheit voll auszunutzen, und empfand das Stück auf der Bühne letztlich selbst als zu fatalistisch. Erst elf Jahre nach dieser erneuten Enttäuschung kehrte Frisch ans Theater zurück.

Zweite Ehe mit Marianne Oellers und rege Reisen

Max Frisch (1967)
Frischs Haus in Berzona

Im Sommer 1962 begegnete der damals 51-jährige Frisch der 28 Jahre jüngeren Germanistik- und Romanistik-Studentin Marianne Oellers. 1964 bezogen die beiden eine gemeinsame Wohnung in Rom, im Herbst 1965 zogen sie in ein aufwändig renoviertes Häuschen in Berzona im Tessin um. Als „soziales Experiment“ lebte das Paar ab 1966 zeitweise auch in einer Zweitwohnung in der Wohnsiedlung Lochergut, tauschte sie jedoch bald gegen eine Wohnung in Küsnacht am Zürichsee. Ende 1968 heirateten die beiden.

Marianne Oellers begleitete ihren späteren Ehemann auf zahlreichen Reisen: 1963 besuchten sie die amerikanischen Uraufführungen von Biedermann und Andorra, 1965 reisten sie anlässlich der Verleihung des Man’s Freedom Prize nach Jerusalem, wo Frisch die erste offizielle deutschsprachige Rede nach Ende des Zweiten Weltkriegs hielt. Im Bemühen um ein eigenständiges Urteil über das Leben hinter dem „ Eisernen Vorhang“ bereisten sie 1966 die Sowjetunion. Anlässlich eines Schriftstellerkongresses kehrten sie zwei Jahre später dorthin zurück und trafen unter anderem die DDR-Schriftsteller Christa und Gerhard Wolf, mit denen sie von nun an eine Freundschaft verband. Nach der Hochzeit folgten 1969 eine Reise nach Japan sowie 1970–72 ausgedehnte Aufenthalte in den USA. Viele Eindrücke dieser Reisen sind im Tagebuch 1966–1971 wiedergegeben.

Nach der Rückkehr aus den USA nahm das Ehepaar Frisch 1972 eine Zweitwohnung in Berlin im Ortsteil Friedenau, die zunehmend zum Lebensmittelpunkt wurde und 1973–79 einen intensiven und anregenden Kontakt zu den dortigen Intellektuellen ermöglichte. Auszüge eines Tagebuchs aus dieser Zeit erscheinen erst 2014 unter dem Titel Aus dem Berliner Journal. In seinen Berliner Jahren verstärkte sich Frischs kritische Haltung gegenüber der Schweiz, die sich in Werken wie Wilhelm Tell für die Schule (1970) und dem Dienstbüchlein (1974) niederschlägt, aber auch in der Rede Die Schweiz als Heimat?, die Frisch im Januar 1974 anlässlich der Verleihung des Grossen Schillerpreises der Schweizerischen Schillerstiftung hielt. Obwohl er keine politischen Ambitionen hatte, hegte Frisch Sympathien für Ideen der Sozialdemokratie. Aus persönlicher Verbundenheit mit Helmut Schmidt begleitete er ihn 1975 auf dessen China-Reise und hielt 1977 eine Rede auf dem SPD-Parteitag.

Im April 1974 hatte Frisch auf einer Lesetour in den USA eine Affäre mit der 32 Jahre jüngeren Amerikanerin Alice Locke-Carey. Diese Begegnung im Dorf Montauk auf Long Island nahm er als Ausgangspunkt der 1975 erschienenen gleichnamigen Erzählung, die sein autobiografischstes Buch wurde und von allen seinen bisherigen Liebesbeziehungen berichtet, einschließlich der Ehe mit Marianne und deren Seitensprung mit dem amerikanischen Schriftsteller Donald Barthelme. Anlässlich der Veröffentlichung kam es zwischen den Eheleuten zu einem offenen Streit über das Verhältnis von Öffentlichem und Privatem und in der Folge zu einer zunehmenden Entfremdung. 1979 wurde die Ehe geschieden.

Spätwerk und Alter

Max Frisch (ca. 1974)

Nachdem Frisch 1978 ernsthafte gesundheitliche Probleme durchlebt hatte, wurde im Oktober 1979 unter seiner Mitwirkung die Max-Frisch-Stiftung gegründet, die mit der Verwaltung seines Nachlasses beauftragt wurde. Ihre wichtigste Einrichtung bildet das Max Frisch-Archiv, das sich an der ETH Zürich befindet und seit 1983 öffentlich zugänglich ist.

Alter und Vergänglichkeit rückten nun zunehmend ins Zentrum von Frischs Werk. 1976 nahm er die Arbeit an dem im Totenreich spielenden Theaterstück Triptychon auf, das im April 1979 in einer Hörspielfassung gesendet wurde und im Oktober desselben Jahres in Lausanne zur Uraufführung kam. Eine Aufführung in Frankfurt scheiterte am Widerstand des dortigen Ensembles, das das Stück als zu unpolitisch ablehnte. Die Premiere am Burgtheater in Wien betrachtete Frisch als gelungen, das Publikum reagierte jedoch zurückhaltend auf das komplex konstruierte Werk.

1980 nahm Frisch erneut Kontakt zu Alice Locke-Carey auf und lebte mit ihr bis 1984 abwechselnd in New York und in Berzona. In den USA war Frisch inzwischen ein geschätzter Schriftsteller, unter anderem erhielt er 1980 die Ehrendoktorwürde des Bard College und 1982 die der City University of New York. Die Übersetzung von Der Mensch erscheint im Holozän wurde von den Kritikern der New York Times als beste Erzählung des Jahres 1980 ausgezeichnet. Der Text berichtet von einem pensionierten Industriellen, der unter dem Verlust eigener geistiger Fähigkeiten und dem Schwund mitmenschlicher Beziehungen leidet. Frisch bemühte sich in diesem Text um Authentizität, wehrte sich jedoch gegen eine allzu autobiografische Deutung. Nach Abschluss der 1979 erschienenen Arbeit erlebte Frisch eine Schreibhemmung, die er erst im Herbst 1981 mit dem Prosatext Blaubart überwand.

1984 kehrte Frisch nach Zürich zurück, wo er nun bis zu seinem Tode lebte. 1983 [18] begann die Beziehung zu seiner letzten Lebensgefährtin Karin Pilliod, mit der er 1987 am Moskauer „Forum für eine atomwaffenfreie Welt“ teilnahm. Nach Frischs Tod berichtete Pilliod davon, dass er in den Jahren 1952–1958 eine Liebesbeziehung mit ihrer Mutter Madeleine Seigner-Besson unterhalten habe. [18] Im März 1989 wurde bei Frisch unheilbarer Darmkrebs diagnostiziert. Im selben Jahr erfuhr er im Rahmen der Fichenaffäre, dass er seit seiner Teilnahme am internationalen Friedenskongress 1948 wie viele andere Schweizer Bürger von den Behörden bespitzelt worden war. Am 1. August 1990 erhielt er (zensurierten) Zugang zu den behördlichen Aufzeichnungen und verfasste vor Ende 1990 dazu den Kommentar Ignoranz als Staatsschutz?, in dem er zu einzelnen Aktenteilen Stellung nahm: Seine Fiche sei „ein Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität“. Der Text wurde erst 2015 bei Suhrkamp als Buch veröffentlicht. [19]

Gedenktafel in Berzona

Frisch regelte die Umstände seiner Bestattung, engagierte sich jedoch noch im Rahmen der Diskussion über die Abschaffung der Schweizer Armee und veröffentlichte den Prosatext Schweiz ohne Armee? Ein Palaver sowie eine Bühnenfassung davon, Jonas und sein Veteran. Max Frisch starb am 4. April 1991, mitten in den Vorbereitungen zu seinem 80. Geburtstag. Die Trauerfeier fand am 9. April 1991 in St. Peter statt. Es sprachen seine Freunde Peter Bichsel und Michel Seigner. Karin Pilliod verlas eine Erklärung, es kam aber kein Geistlicher zu Wort. Frisch war ein Agnostiker, der jedes Glaubensbekenntnis für überflüssig befand. [20] Die Asche Max Frischs wurde bei einem Erinnerungsfest seiner Freunde im Tessin in ein Feuer gestreut; eine Tafel an der Friedhofsmauer des Ortes Berzona erinnert an ihn.

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