Kultur

Dieser Artikel behandelt die menschliche Kultur. Zu anderen Bedeutungen siehe Kultur (Begriffsklärung).
Anspielung auf die ursprüngliche Wortbedeutung: Sonderausstellung „Der Apfel – Kultur mit Stiel“ im Freilichtmuseum Hessenpark 2015
Der antike Tempel des Parthenon in Athen ist ein klassisches Symbol für europäische „Kultur“

Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Dagegen bezeichnet Helman [1] mit Kultur einen engeren Begriff, nämlich ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten.

Nach der weitergefassten Definition sind Kulturleistungen alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Landwirtschaft oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde bzw. „Subkulturen“ [2] wie Musik, Sprachen, Moral, Religion, Recht, Wirtschaft und Wissenschaften.

Der Kulturbegriff ist im Laufe der Geschichte immer wieder von unterschiedlichen Seiten einer Bestimmung unterzogen worden. [3] Je nachdem drückt sich in der Bezeichnung Kultur das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche aus, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder auch wissenschaftliche und philosophisch-anthropologische Anschauungen. Die Bandbreite der Bedeutungsinhalte ist entsprechend groß und reicht von einer rein beschreibenden ( deskriptiven) Verwendung („die Kultur jener Zeit“) bis zu einer vorschreibenden ( normativen), wenn bei letzterem mit dem Begriff der Kultur zu erfüllende Ansprüche verbunden werden.

Der Begriff kann sich auf eine Gruppe von Menschen beziehen, denen eine bestimmte Kultur zugesprochen wird, oder auf das, was allen Menschen als Menschen zukommt, insofern Kultur sie beispielsweise vom Tier unterscheidet. Während die engere Bestimmung des Begriffs meist mit einem Gebrauch in Einzahl verbunden ist („die Kultur“), kann ein weiter gefasster Begriff auch von „den Kulturen“ im Mehrzahl sprechen.

Begriffsgeschichte

Wortherkunft

Das Wort „Kultur“ ist eine Eindeutschung des lateinischen Worts cultura, das eine Ableitung von lateinisch colere „pflegen, urbar machen, ausbilden“ darstellt. Denselben Ursprung haben die Bezeichnungen Kolonie und Kult. „Kultur“ ist in der deutschen Sprache seit Ende des 17. Jahrhunderts belegt und bezeichnet hier von Anfang an sowohl die Bodenbewirtschaftung als auch die „Pflege der geistigen Güter“. Heute ist der landwirtschaftliche Bezug des Begriffs nur noch in Wendungen wie Kulturland für Ackerland oder Kultivierung für Urbarmachung verbreitet; in der Biologie werden auch verwandte Bedeutungen wie Zell- und Bakterienkulturen benutzt. Im 20. Jahrhundert wird kulturell als Adjektiv gebräuchlich, jedoch mit deutlich geistigem Schwerpunkt. [4]

Die Wortherkunft des lateinischen Wortes colere leitet sich ab von der indogermanischen Wurzel kuel- für „[sich] drehen, wenden“, so dass die ursprüngliche Bedeutung wohl im Sinne von „emsig beschäftigt sein“ zu suchen ist. [5]

Antike

Plinius der Ältere prägte zwar noch nicht das Wort „Kultur“ für einen Begriff, unterschied allerdings schon zwischen terrenus (zum Erdreich gehörend) und facticius (künstlich Hergestelltes). [6] Im lateinischen Raum wird die Bezeichnung cultura sowohl auf die persönliche Kultur von Individuen als auch auf die Kultur bestimmter historischer Perioden angewendet. So charakterisiert z. B. Cicero die Philosophie als cultura animi, das heißt als Pflege des Geistes. [7] Neben der Kultur als Sachkultur bei Plinius findet sich also auch Kultur als Bearbeitung der eigenen Persönlichkeit.

Neuzeit

Immanuel Kants Bestimmung des Menschen als kulturschaffendes Wesen vollzieht sich im Verhältnis zur Natur. Für Kant sind Mensch und Kultur ein Endzweck der Natur. [8] Dabei ist mit diesem Endzweck der Natur die moralische Fähigkeit des Menschen zum kategorischen Imperativ verbunden: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Ein solches allgemeines Gesetz anzuerkennen als „Idee der Moralität gehört noch zur Kultur.“ [9] Es ist dieser Leitsatz des moralischen Handelns, der den Menschen einerseits von der Natur trennt, andererseits steht er als Endziel der Natur in ihrem Dienst dieses Ziel zu achten und zu verfolgen. Ohne diesen moralischen Leitsatz vermag der Mensch sich bloß technologisch fortzuentwickeln, was zur Zivilisation führt.

Der Anthropologe Edward Tylor bestimmt Kultur 1871 („Primitive Culture“) unter Aufnahme der darwinschen Evolutionstheorie und gibt so eine erste an den Erkenntnissen der Naturwissenschaft orientierte Definition: „Cultur oder Civilisation im weitesten ethnographischen Sinn ist jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und alle übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat.“ [10]

Nach Albert Schweitzer erstrebt die Kultur letztlich „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“: „Der Kampf ums Dasein ist ein doppelter. Der Mensch hat sich in der Natur und gegen die Natur und ebenso unter den Menschen und gegen die Menschen zu behaupten. Eine Herabsetzung des Kampfes ums Dasein wird dadurch erreicht, dass die Herrschaft der Vernunft sich sowohl über die Natur als auch über die menschliche, stinkende Natur sich in größtmöglicher und zweckmäßigster Weise ausbreitet. Die Kultur ist ihrem Wesen nach also zweifach. Sie verwirklicht sich in der Herrschaft der Vernunft über die Naturkräfte und in der Herrschaft der Vernunft über die menschlichen Gesinnungen.“ [11]

Der französische Kulturphilosoph Claude Lévi-Strauss verglich das Konzept der Sprache mit der Kultur: Die Kultur verhalte sich wie die Sprache: Nur ein Außenstehender könne die ihr zugrunde liegenden Regeln und Strukturen erkennen und interpretieren.

Kultur und Zivilisation

Auf Kant geht die Entgegensetzung von „Kultur“ und „Zivilisation“ zurück
Hauptartikel: Zivilisation

Vor allem im deutschsprachigen Raum hat sich im allgemeinen Begriffsverständnis die Unterscheidung in Kultur und Zivilisation entwickelt, während beispielsweise im englischen Sprachraum lange Zeit nur ein Wort für „Kultur“ (civilization) genutzt wurde (vergleiche den Buchtitel von Samuel P. Huntington Clash of Civilisations, deutsch Kampf der Kulturen). Erst seit einigen Jahrzehnten findet sich auch culture häufiger, ohne dass hiermit jedoch auf einen Gegensatz zu civilization Bezug genommen wurde.

Die früheste Formulierung dieses Gegensatzes in der deutschen Sprache stammt von Immanuel Kant: [12]

„Wir sind im hohen Grade durch Kunst und Wissenschaft cultivirt. Wir sind civilisirt bis zum Überlästigen, zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit. Aber uns für schon moralisirt zu halten, daran fehlt noch sehr viel. Denn die Idee der Moralität gehört noch zur Cultur; der Gebrauch dieser Idee aber, welcher nur auf das Sittenähnliche in der Ehrliebe und der äußeren Anständigkeit hinausläuft, macht blos die Civilisirung aus.“

„Zivilisation“ bedeutet also für Kant, dass sich die Menschen zwar zu einem artigen Miteinander erziehen, Manieren zulegen und ihren Alltag bequem und praktisch einzurichten wissen und dass sie vielleicht durch Wissenschaft und Technik Fahrzeuge, Krankenhäuser und Kühlschränke hervorbringen. All dies reicht jedoch noch nicht dafür, dass sie „Kultur haben“, wenngleich es der Kultur dienen könnte. Denn als Bedingung für Kultur gilt für Kant die „Idee der Moralität“ (der kategorische Imperativ), d. h., dass die Menschen ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einrichten.

Wilhelm von Humboldt schließt hieran an, indem er den Gegensatz auf Äußeres und Inneres des Menschen bezieht: Bildung und Entwicklung der Persönlichkeit sind Momente der Kultur, während rein praktische und technische Dinge dem Bereich der Zivilisation zugehören. [13]

Für Oswald Spengler ist Zivilisation negativ belegt, wenn sie nämlich das unausweichliche Auflösungsstadium von Kultur bezeichnet. Spengler sah Kulturen als lebendige Organismen an, die in Analogie zur Entwicklung des menschlichen Individuums eine Jugend, eine Manneszeit und ein Alter durchlaufen und alsdann verenden. Die Zivilisation entspricht dem letzten dieser Stadien, daher hat der zivilisierte Mensch keine künftige Kultur mehr. Zivilisationen „sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit […] Sie sind ein Ende [sc. der Kultur], unwiderruflich, aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.“ [14]

Helmuth Plessner hält gar das deutsche Wort „Kultur“ für fast nicht übersetzbar. In seiner „empathischen“ Bedeutung sieht er eine religiöse Funktion: [15]

„Kultur, der deutsche Inbegriff für geistige Tätigkeit und ihren Ertrag im weltlichen Felde, ist ein schwer zu übersetzendes Wort. Es deckt sich nicht mit Zivilisation, mit Kultiviertheit und Bildung oder gar Arbeit. Alle diese Begriffe sind zu nüchtern oder zu flach, zu formal, bzw. ›westlich‹ oder an eine andere Sphäre gebunden. Ihnen fehlt das Schwere, die trächtige Fülle, das seelenhafte Pathos, das sich im deutschen Bewußtsein des 19. und 20. Jahrhunderts mit diesem Wort verbindet und seine oft empathische Verwendung verständlich macht.“

Kulturnation und Staatsnation

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Der Begriff der Kulturnation entstand im 19. Jahrhundert als Ausdruck eines weniger durch Politik und militärische Macht als durch Kulturmerkmale repräsentierten Nationsverständnisses. Der Historiker Friedrich Meinecke sah in den kulturellen Gemeinsamkeiten, die eine Nation zusammenhalten, neben gemeinsamem „Kulturbesitz“ (z. B. die Weimarer Klassik) vor allem religiöse Gemeinsamkeiten. Von Volkstum ist in diesem Zusammenhang noch nicht die Rede.

Während von einer Kulturnation anfangs in einem kritischen Sinne gegenüber der Staatsnation die Rede war, da das deutsche Nationalgefühl (aus Sprache, Traditionen, Kultur und Religion) nicht vom politischen Partikularismus widergespiegelt wurde, wandelte sich der Begriff unter dem Einfluss des völkischen Gedankengutes: Als Basis einer Kulturnation wurde nun ein „Volk“ im Sinne einer „Abstammungsgemeinschaft“ verstanden. Dieser Begriff eines Volkes wirkte wiederum gegenüber dem politisch-rechtlichen Begriff des Staatsvolkes, der die Gesamtheit aller Staatsangehörigen eines Staates darstellt, kritisch.

Moderne Entwicklungen

Systemtheoretischer Ansatz

Für den Systemtheoretiker Niklas Luhmann beginnt geschichtlich gesehen Kultur erst dann, wenn es einer Gesellschaft gelingt, nicht nur Beobachtungen vom Menschen und dessen Umwelt anzustellen, sondern auch Formen und Blickwinkel der Beobachtungen der Beobachtungen zu entwickeln. Eine solche Gesellschaft ist nicht nur kulturell und arbeitsteilig in einem hohen Maße in Experten ausdifferenziert, sondern hat auch Experten zweiter Stufe ausgebildet. Diese letzteren untersuchen die Beobachtungsweisen der ersteren und helfen diese in ihrer Kontingenz zu begreifen, d. h., erst jetzt werden die Inhalte von Kultur als etwas Gemachtes aufgefasst und nicht als eine dem Menschen gegebene Fähigkeit. Kultur wird damit de- und rekonstruierbar. [16]

„Historische Anthropologie“

Ein aktuelles Arbeitsfeld, welches sich als „historisch ausgerichtete Anthropologie“ bezeichnen ließe, untersucht die im Laufe der Geschichte vollzogenen Bestimmungen der „menschlichen Natur“. So zeigt beispielsweise die Ordnung der Sinne, dass ihre Anzahl nicht eindeutig auf fünf festzulegen ist, sie teils hierarchisch, teils gleichberechtigt auftreten. Damit haben auch die Sinne eine Geschichte, wenn sie nämlich kulturell codiert sind. Es zeigt sich dann etwa eine für die abendländische Kultur prägende Bevorzugung des Gesichtssinns gegenüber anderen Sinnen. [17] Weitere Felder der historischen Anthropologie sind: [18]

  • Aus dem Verhältnis zwischen räumlich-materieller Außenwelt und ausdehnungsloser Innerlichkeit des menschlichen Subjekts ergibt sich eine Geschichte der Seele und Gefühle. Gerade in diesem Zusammenhang können sich auch Ansichten entwickeln, welche Gefühle nicht als innere Zustände des Individuums zu begreifen, sondern räumlich ausgedehnte Atmosphären. [19] [20]
  • Am geschichtlichen Verhältnis zwischen „der“ Gesundheit zu „den“ Krankheiten lässt sich untersuchen, wie sich das, was als gesund gilt und was als krankhaft angesehen wird, immer wieder verschiebt, ohne dass hier eine feste Grenze erkennbar wäre. Vielmehr ist auch hier jede Definition kulturabhängig, was sich besonders bei geistige Erkrankungen zeigt, wie etwa der wechselhaft unbestimmte Gebrauch der Bezeichnungen „Nervosität“, „Hysterie“ und „Hypochondrie“ in der Zeit vom 18. bis 20. Jahrhundert belegt.
  • Das Geschlechterverhältnis wird inzwischen in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Fachrichtungen untersucht, besonders widmet sich ihm die Geschlechterforschung (engl. Gender Studies). Die aus dem angelsächsischen Bereich kommende Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht (engl. sex) und Geschlechterrolle (engl. gender) hat sich auch im deutschsprachigen Bereich durchgesetzt. Vor allem Judith Butler hat darauf hingewiesen, dass das biologische Geschlecht kultureller Auslegung unterliegt und somit „typisch männliche“ oder „typisch weibliche“ Eigenschaften nicht definierbar sind: Geschlechterrollen sowie „das Geschlecht“ werden konstruiert. [21]

Varianten und Grenzen des Kulturbegriffs

Der Germanist und Professor für interkulturelle Wirtschaftskommunikation Jürgen Bolten unterscheidet Zusammensetzungen mit dem Wortstamm kult- hinsichtlich ihrer Bedeutung in vier deutlich voneinander abgrenzbare Gruppen. Zwei davon fasst er unter einen weiten Kulturbegriff: (1.) Kultur als Lebenswelt oder die Ethnie, im Sinne von: bewohnen bzw. ansässig sein; (2.) Kultur als biologische Kulturen, im Sinne von: bebauen, Ackerbau treiben. Zwei weitere fasst er unter einen engen Kulturbegriff: (3.) Kultur als „Hoch“kultur, im Sinne von: pflegen, schmücken, verehren, und (4.) Kultur als Kult bzw. Kultus, im Sinne von: verehren, anbeten, feiern. [22] Den engen Kulturbegriff führt Bolten auf die Trennung von Kultur und Zivilisation zurück, die vor allem von Immanuel Kant und später von Oswald Spengler vertreten wurde (siehe hierzu auch den Abschnitt „Kultur und Zivilisation“). [23]

Andere Autoren verweisen hinsichtlich der Entwicklung des Kulturbegriffs im deutschsprachigen Raum auf Cicero, Herder, von Humboldt. [24] [25]

Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Verwendungsweisen des Wortes „Kultur“ und der Vielfalt konkurrierender wissenschaftlicher Definitionen erscheint es sinnvoll, statt von einem Kulturbegriff besser von vielen Kulturbegriffen zu sprechen. Bereits 1952 wurden 170 verschiedene Begriffsbestimmungen gezählt. Kultur ist gewissermaßen eine Variable, die von den verschiedenen Rahmenbedingungen verschiedener Fachgebiete und ihrer Blickwinkel abhängig ist. Der Kulturphilosoph Egon Friedell vertrat folgende provokante These:

„Kultur ist Reichtum an Problemen“

Entgegensetzung von Kultur und Natur

Das Hubble-Teleskop

Dasjenige Konzept, welches das Entstehen von Kultur verständlich macht und den Begriff klar eingrenzt, stellt die Kultur der Natur entgegen. Damit ist als Kultur alles bestimmt, was der Mensch von sich aus verändert und hervorbringt, während der Begriff Natur dasjenige umfasst, was von selbst ist, wie es ist.

Mit „Natur“ kann jedoch immer nur etwas gemeint sein, das durch Kulturtechniken wie Kunst und Wissenschaft beschrieben wurde. Dabei werden die Grenzen dessen, was „Natur“ bezeichnet, durch menschliche Forschung immer mehr erweitert: so macht etwa das Elektronenmikroskop kleinste Partikel sichtbar, während das Hubble-Teleskop die großen kosmischen Maßstäbe zur Darstellung bringt. Wenn jedoch Natur nur durch die Kulturtechnik wahrgenommen werden kann, scheint es letztlich so, dass „alles Kultur sei“. Damit wird die Vorstellung, dass Kultur stets Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Neuen und Fremden ist, zunehmend unplausibel, denn wenn alles Kultur ist, dann ist unklar, was überhaupt mit dem Begriff gemeint ist. [27]

Wenn Kultur trotzdem weiterhin als die Bewältigung des Anderen, der Natur, begriffen werden soll, so darf die Natur nicht als räumlich dem Menschen gegenüberstehend gedacht werden, sondern das Andere ist der Kultur selbst eingeschrieben. Das Andere besteht nicht einfach neben oder außerhalb der Kultur, sondern haftet ihr an wie eine Kehrseite. [28] [29] „Natur“ wäre dann ein Grenzbegriff, der „etwas“ umfasst, das vom Menschen beschrieben und bearbeitet wird, was aber zugleich bedeutet, dass dieses „etwas“ niemals unmittelbar zugänglich wird. Damit gibt es keine „Natur an sich“, sondern nur Beschreibungen von Natur. Die exakte mathematische Physik ist nur eine mögliche Form der Naturdarstellung, wenngleich sich die mathematische Naturbeschreibung innerhalb ihrer gegebenen Logik schrittweise dem Wesen der „Natur“ anzunähern vermag. Ernst Cassirer hat diese veränderte Auffassung von Natur als Übergang von der Substanz zur Funktion in seiner Abhandlung Substanzbegriff und Funktionsbegriff 1910 beschrieben.

Der Kulturbegriff außerhalb des westlichen Denkens

Prinzipiell ist die Gegenüberstellung von Natur und Kultur ein typisch europäisches Ordnungsmuster. Die Ethnologie hat gezeigt, dass es keine Weltauffassung gibt, die von allen Menschen gleichsam verstanden wird. Die in der „modernen Welt“ als selbstverständlich betrachtete Dichotomie Natur ↔ Kultur ist nicht bei allen Völkern gegeben. So betrachten beispielsweise die Amazonasindianer auch Tiere, Pflanzen, Naturerscheinungen und Naturgeister als Menschen. Sie existieren nach ihrer Vorstellung zeitweilig in einer anderen Form, sind jedoch ebenfalls vollwertige „Kulturwesen“. [30]

Normative Verwendung des Begriffs

Verschiedene Fragen werden aufgeworfen, wenn der Begriff „Kultur“ nicht nur deskriptiv (beschreibend) verwendet wird, sondern auch normativ (vorschreibend) verwendet wird. In diesem Sinne bedeutet „Kultur“ nicht nur das, was tatsächlich vorgefunden wird, sondern auch das, was sein soll, beispielsweise Gewaltfreiheit.

Eine normative Verwendung des Kulturbegriffes ist in der Alltagssprache nicht unüblich, wie man beispielsweise daran hört, dass von einer „Kultur der Gewalt“ wenn überhaupt nur abwertend die Rede ist – eine solche Kultur wäre eine „Unkultur“. Häufig sind also moralische Maßstäbe mit dem Kulturbegriff verbunden. Dabei ergibt sich jedoch die Schwierigkeit, zu bestimmen, was sich etwa unter „Gewalt“ verstehen lässt und wann sie vermeidbar ist. Nicht nur haben verschiedene Kulturen unterschiedliche Auffassungen darüber, wann eine Handlung gewaltsam ist, sondern auch darüber, was durch die Gewalt überhaupt verletzt wird. [31]

Der Kulturbegriff in der Biologie

Wie sehr auch immer sich ein Tier oder eine Pflanze an seine Umwelt anpasst: Eine Vererbung der durch Lernen oder durch physiologische Anpassung erworbenen Eigenschaften gilt als unmöglich, da die im Genom angelegten angeborenen Eigenschaften – abgesehen von wenigen epigenetischen Faktoren, deren Einflussbreite aber bereits im Genom verankert war – durch Umwelteinflüsse nicht verändert werden. Gleichwohl ist es möglich, dass ein Tier von den Eltern durch Prägung oder Imitationslernen erworbene Eigenschaften an die eigenen Nachkommen weitergibt. „Die Übertragung von Informationen von einer Generation zur nächsten auf nichtgenetischem Wege wird im Allgemeinen als kulturelle Tradition bezeichnet.“ [32] In der Biologie werden solche kulturellen Traditionen allerdings häufig verkürzt als Kultur bezeichnet. [33]

Kulturelle Traditionen gibt es beispielsweise bei Vögeln, bei denen die Jungtiere den arttypischen Gesang im Wege der Prägung von den Eltern übernehmen. Auch der Werkzeuggebrauch bei Tieren entspricht häufig der Definition von kultureller Tradition. Die weitreichendsten Beispiele finden sich bei den Menschenaffen. [34]

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