Kenzaburō Ōe

Kenzaburō Ōe ( Sprachsalz, 2005)

Kenzaburō Ōe ( jap. 大江 健三郎, Ōe Kenzaburō; * 31. Januar 1935 in Ōse (heute: Uchiko), Präfektur Ehime) ist ein japanischer Schriftsteller. In seinem Heimatland zählt er zu den wichtigsten Schriftstellern seiner Generation. Er erhielt 1994 den Nobelpreis für Literatur.

Leben

Kenzaburō Ōe bei einer Lesung in Köln, 2008

Ausbildung

Kenzaburō Ōe wurde 1935 als fünftes von sieben Kindern im Dorf Ōse (heute: Uchiko) auf Shikoku geboren. Die Umgebung von Ōse, besonders der nahe Wald und die Gassen und Häuserschluchten des Dorfes fanden Eingang in sein späteres literarisches Schaffen. Von 1941 an besuchte er die dortige Grundschule, während zeitgleich der Krieg im Pazifik wütete. Im Jahr 1947, dem Jahr, in dem die Japanische Verfassung in Kraft trat, setzte Ōe seine schulische Laufbahn auf der Ōse-Mittelschule und drei Jahre später an der Uchiko-Oberschule der Präfektur Ehime fort. Bereits im darauffolgenden Jahr 1951 wechselte er wegen Mobbings zur Matsuyama-Oberschule. Die Erlebnisse, die zum Schulwechsel geführt hatten, verarbeitete Ōe in der Erzählung Reißt die Knospen ab … Während seiner Oberschulzeit las er japanische Schriftsteller wie Ishikawa Jun, Kobayashi Hideo u. a.; er veröffentlichte erste Gedichte und Aufsätze in der Schulzeitung Shōjō (掌上), an der er redaktionell mitarbeitete.

1953 zog Ōe nach Tokio um. Er besuchte ein Jahr lang eine Vorbereitungsschule und schrieb sich 1954 an der Universität Tokio für ein Studium generale ein. Für das Studententheater schrieb er die Stücke Ama no nageki (天の嘆き) und Natsu no kyūka (夏の休暇). Für Kazan (火山), das er in der Fakultätszeitschrift veröffentlichte, erhielt er den Ichō-Namiki-Preis (銀杏並樹文学賞). [1] Während seiner Studienzeit beschäftigte sich Ōe mit Pascal, Camus, Faulkner, Norman Mailer, Abe Kōbō und besonders auch mit Sartre. Von 1956 an studierte er französische Literatur u. a. bei Watanabe Kazuo. Mit der Aufnahme des Studiums begann er auch Sartre im französischen Original zu lesen. Im selben Jahr schrieb Ōe das Theaterstück Shi’nin ni kuchi nashi (死人に口なし) und das Bühnenstück Kemonotachi no koe (獣たちの声). Zudem nahm er an der Protestdemonstration gegen die Erweiterung des militärisch genutzten Tachikawa-Flugplatzes (立川飛行場 Tachikawa Hikōjō) teil.

1957 veröffentlichte Ōe in der Tokio Daigaku Shimbun den Roman Kimyō na shigoto (奇妙な仕事), der in der Mainichi Shimbun vom Literaturkritiker Ken Hirano sehr gelobt wurde. Daraufhin gab Ōe im gleichen Jahr in der Literaturzeitschrift Bungakukai als studentischer Schriftsteller mit Shisha no ogori (死者の奢り) sein Debüt. Mit diesem Werk wurde Ōe zugleich Anwärter auf den renommierten Akutagawa-Preis, doch obgleich sich Kawabata Yasunari, Inoue Yasushi und Funabashi Seiichi für ihn aussprachen, wurde 1957 Takeshi Kaikō ausgezeichnet.

Akutagawa-Preisträger

Kaum ein Jahr später, 1958, nachdem Ōe zunächst seinen Chōhen Shōsetsu (Roman) Reißt die Knospen ab (芽むしり仔撃ち, Me mushiri kōuchi) veröffentlicht hatte, erhielt er mit 23 Jahren für Der Fang (飼育, Shiiku) den Akutagawa-Preis. Zu diesem Zeitpunkt war Ōe gemeinsam mit Shintarō Ishihara, der ebenfalls im Alter von 23 Jahren 1956 ausgezeichnet worden war, der jüngste Akutagawa-Preisträger.

Ōe ist, ähnlich wie etwa Günter Grass, ein Schriftsteller, der sich gesellschaftspolitisch engagiert und Stellung bezieht. So schloss er sich 1958 u. a. mit Kollegen wie Shintarō Ishihara, Etō Jun, Tanikawa Shuntarō, Shūji Terayama, Asari Keita, Ei Rokusuke, Toshirō Mayuzumi und Fukuda Yoshiyuki zur Gesellschaft junges Japan (若い日本の会, Wakai nihon no kai) zusammen. Im Rahmen der Studentenbewegung in den 1960er Jahren protestierte die Gruppe gegen den Sicherheitsvertrag zwischen Japan und den USA.

1959 schloss Ōe sein Studium mit einer Arbeit Über das Bild in Sartres Roman ab. Er lernte den japanischen Komponisten Tōru Takemitsu kennen und heiratete ein Jahr später, 1960, Yukari Itami, die Schwester seines Schulfreundes Jūzō Itami, mit dem er bis zu dessen Freitod eng befreundet blieb.

1961 veröffentlichte Ōe eine Sammlung von Schriften zum Thema Politik und Sexualität (政治と性) unter dem Titel Seventeen in der Januar- und Februarausgabe der Literaturzeitschrift Bungakukai. Ōe nimmt in diesen Schriften Bezug auf den 17-jährigen rechtsradikalen Attentäter Yamaguchi Otoya, der 1960 den linken Politiker Asanuma Inejirō während einer Wahlkampfveranstaltung mit einem Kurzschwert tötete. Ōe schildert den Täter als prototypisches Modell einer rechtsgerichteten Jugend, die sich an der Politik ebenso wie an sexuellen Ausschweifungen berauscht. Ähnlich wie auch schon Ōes Schriftstellerkollege Shichirō Fukazawa handelte Ōe sich durch diese Veröffentlichung Drohungen rechter Gruppierungen ein. Ein Jahr zuvor, 1960, hatte Fukazawa im Verlag Chūōkōron sein Werk Furyū mutan (風流夢譚, etwa: Geschichte eines Traums von königlicher Erlesenheit) veröffentlicht, in dem er einen Traum von der Erstürmung des Kaiserpalastes und der Enthauptung des Tennō und der kaiserlichen Familie durch die Linken schildert. Die Veröffentlichung führte nicht nur zu großer Empörung am Kaiserhof und bei den Ultranationalisten, sie führte auch dazu, dass ein wiederum 17 Jahre alter rechter Jugendlicher in das Haus des Verlagsleiters Shimanaka Hōji eindrang, eine Bedienstete tötete und Shimanakas Ehefrau schwer verletzte. Diese Umstände und die Drohungen sind auch der Grund dafür, weshalb Ōe diese Schriften bis heute nicht als selbständiges Buch publizierte. 1963 wurde Ōes Sohn Hikari mit einer geistigen Behinderung geboren, [2] die auf der Deformation seines Schädelknochens beruht. Die eigentümliche Schilderung des Fluchs, in einer Nachkriegsgesellschaft mit der Geburt eines geistig behinderten Kindes konfrontiert zu sein, und das Schreiben über den verzweifelten Widerstand gegen eine solche Gesellschaft brachten eine Wende im schriftstellerischen Schaffen Ōes. Für den in diesem Zusammenhang entstandenen und häufig als autobiografisch verstandenen Ich-Roman Eine persönliche Erfahrung (個人的な体験) [3] erhielt er 1964 den Shinchōsha-Literaturpreis. Im selben Jahr begann er seine Erfahrungen aus mehreren Besuchen Hiroshimas und der Teilnahme am Kongress für ein Verbot von Wasserstoffbomben als Hiroshima-Notizen (ヒロシマ・ノート, Hiroshima nōto) zu veröffentlichen.

Nachdem Ōe sich mit Hiroshima beschäftigt hatte, erweckte Okinawa seine Aufmerksamkeit. Die Inselgruppe war bis zur Meiji-Restauration unabhängig und gehörte nicht zu Japan. Im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges kämpfte Japan in der Schlacht um Okinawa erstmals und einzig in Okinawa auf eigenem Territorium gegen die Alliierten. Ōe befasste sich in seinen Okinawa-Notizen mit zwei gesellschaftspolitisch brisanten Themen: zum einen mit den Auswirkungen der amerikanischen Besatzung und der Errichtung einer Militärbasis auf Okinawa, zum anderen mit den Traditionen der Einwohner, insbesondere auch bevor Okinawa mit der Meiji-Restauration seine Souveränität einbüßte. Die Veröffentlichung seiner Okinawa-Notizen brachte Ōe und dem Verlag später, 2005, eine Klage und einen Gerichtsprozess ein. Ergänzt um die Betrachtung der Kultur der koreanischen Minderheit in Japan kam Ōe entgegen der Mehrheitsmeinung zu einer Wertschätzung der „Randkulturen“ in Japan.

Nobelpreisträger

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Kenzaburō Ōe (2012)

Mit Rückbezug auf Bachtin entstand so 1967 Der stumme Schrei, in dem Ōe Mythen und Geschichte mit der Gegenwart verband. Der stumme Schrei (in Deutschland auch unter dem Titel: Die Brüder Nedokoro erschienen) ist ein komplexes und vielschichtiges Werk, in dem Ōe die Themen vorangegangener Werke um die Protagonisten Mitsusaburō und Takashi Nedokoro bündelt und als Erzählebene über historische Ereignisse um einen gescheiterten Bauernaufstand von 1860 (万延元年, Man’en-Ära) in einem Dorf in Shikoku legt. Mitsusaburō, Vater eines geistig behinderten Kindes, geprägt vom Selbstmord eines politisch aktiven Freundes, macht sich auf in sein Heimatdorf, um seine Herkunft zu ergründen. Parallel zum Bauernaufstand von 1860, der seinerzeit vom Großvater angeführt wurde, wiegelt Mitsusaburōs Bruder Takashi die Dorfbevölkerung zum Aufstand gegen einen ausbeuterischen Supermarktbesitzer auf. [4] Der stumme Schrei erschien rund 100 Jahre nach diesen historischen Ereignissen zu einem Zeitpunkt, da sich in Japan Bürgerproteste gegen die Verlängerung des Sicherheitsvertrages zwischen Amerika und Japan (1960) formierten. [4] Für den Roman wurde Ōe als jüngster Preisträger mit dem Tanizaki-Jun’ichirō-Preis ausgezeichnet.

Ōe unternahm mehrere Auslandsreisen; von 1999 bis 2000 hatte er die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin inne. [5]

Der Schriftsteller lebt mit seiner Familie im Tokioter Stadtteil Seijō ( Setagaya). 2006 wurde vom Verlag Kōdansha der Ōe-Kenzaburō-Preis für Nachwuchsschriftsteller eingerichtet. [6] 2011 soll der Autor an seinem, wie er sagte, letzten Roman gearbeitet haben, der sich auf das Inferno in Dantes Göttlicher Komödie beziehe. [7]

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