Christdemokratie

Die Christdemokratie ist eine politische Strömung und im Parteienspektrum meist den bürgerlichen Parteien zuzurechnen. Je nach Land kann eine sich christlich-demokratische nennende Partei ein unterschiedliches Spektrum politischer Meinungen ansprechen. In der internationalen Gesamtschau geht das Spektrum von der linken Mitte bis zu eindeutig rechten Positionen; das heißt jedoch nicht, dass jede einzelne Partei dieses Spektrum vollständig abdeckt. Je nach Land oder Definition gehören zur Christdemokratie auch konservative Richtungen. Sozialpolitisch ist die christliche Soziallehre eine wesentliche Position.

Manche christdemokratische Parteien sind große Volksparteien der rechten Mitte und klassische Regierungsparteien. Andere Parteien sind klein und eventuell die Vertretung von sich als Minderheit verstehenden Teilen der Bevölkerung. Es gibt in Europa eine Tendenz, dass christdemokratische Volksparteien kleiner werden und ihren christlichen Charakter aufweichen.

Im deutschsprachigen Raum verstehen sich unter anderem die CDU/CSU in Deutschland, die ÖVP in Österreich, die CVP in der Schweiz und die SVP in Südtirol als christdemokratisch. Auf internationaler Ebene sind christdemokratische Parteien in der Christlich Demokratischen Internationalen zusammengeschlossen, in Europa in der Europäischen Volkspartei.

Ideen und Ursprünge

Eine der Wurzeln christdemokratischen Denkens sind die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik. Zugrunde liegt dabei ein Menschenbild, das dem Menschen als Geschöpf Gottes Würde, Verschiedenartigkeit, Gleichwertigkeit und Unvollkommenheit zuspricht und daraus Grundwerte wie Freiheit, demokratische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit ableitet.

Der demokratisch-soziale Gehalt trennt die Christdemokratie von den eigentlich Konservativen, die historisch nicht zuletzt den Adel vertreten haben. Von den Fundamental-Religiösen (beispielsweise radikalen Christen), aber auch von den rein Klerikalen (die die Macht der katholischen Kirche verteidigen), sind die Christdemokraten unterschieden, weil sie Toleranz für ihr Christentum einfordern und dementsprechend gegenüber anderen Weltanschauungen zumindest grundsätzlich tolerant sein müssen.

Die Wendung Démocratie chrétienne begegnet erstmals in einer Rede von Antoine-Adrien Lamourette in der gesetzgebenden Nationalversammlung in Paris am 21. November 1791. Durch die zunehmend antichristliche Ausrichtung der Französischen Revolution nach 1793 sah sich das traditionelle Christentum in Europa einem starken Gegner ausgesetzt. Aufklärung und Liberalismus waren gegen den kirchlichen Einfluss in der Staatsführung, im Schulwesen und in der Gesetzgebung (auch der Ehestandsgesetzgebung). Darauf reagierten kirchliche Strömungen in unterschiedlicher Weise, in Deutschland etwa mit einer breiten Volksbewegung, die die Massen ansprach und politisierte. Das führte allerdings auch dazu, dass Teile des politisierten Kirchenvolks Fragen an die Geistlichkeit stellten.

Papst Leo XIII. (Amtszeit 1878–1903) verband das Streben nach kirchlicher Macht mit sozialem Engagement.

Als Gründungsschrift der politischen Christdemokratie wird allgemein die ältere päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von demselben Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 angesehen, in welcher sich der Vatikan, als Reaktion auf die Industrialisierung, erstmals mit der neuen Lage der Arbeiter auseinandersetzt. Die in ihr enthaltenen Ideen waren aber nicht neu, denn Papst Leo XIII. orientierte sich stark an Wilhelm Emmanuel von Ketteler, einem deutschen Bischof und Philosophen, und seinem im Jahre 1864 erschienenen Buch „Die Arbeiterfrage und das Christentum“, dessen inhaltliche Übereinstimmung mit Rerum Novarum groß ist.

In Frankreich entstand damals, im 19. Jahrhundert, eine Reformbewegung innerhalb der Kirche mit dem Begriff "Christdemokratie" (démocratie chrétienne). Papst Leo XIII. hat diese Richtung allerdings auf soziale Wohlfahrt eingeschränkt (Enzyklika Graves de communi re von 1901) und politisch mithin in Schranken gewiesen.

Mit der Enzyklika Quadragesimo anno aus dem Jahr 1931 von Papst Pius XI. konkretisierte die römisch-katholische Kirche, angesichts der Herausforderung totalitärer Ideologien, ihre Position der Freiheit des Einzelnen. In dieser Enzyklika wird das für die christdemokratische Philosophie grundlegende Subsidiaritätsprinzip beschrieben. Es folgt den Grundsätzen „Privat vor Staat“, also dem Vorrang der Verantwortung des Einzelnen vor der staatlichen Intervention und „Klein vor Groß“, wo der Staat handelt. Daraus ergibt sich das Prinzip, dass der Staat möglichst dezentral organisiert sein soll. Jedoch besteht auch eine Pflicht zur subsidiären Hilfe, wenn die kleinere, schwächere Einheit eine Aufgabe nicht erfüllen kann (vertieft in Mater et magistra, 1961). In Deutschland war hier unter anderem der Jesuit Oswald von Nell-Breuning einflussreicher Autor. Daneben werden auch die Schriften des Philosophen Jacques Maritain als bedeutende Inspiration christdemokratischen Gedankenguts erachtet.

Auch das Prinzip der Solidarität wird befürwortet. Die Wirtschaft soll sich in den Dienst der Menschen stellen. Daraus ergibt sich die Bändigung des Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft. Ein bedeutender Einfluss bei der Formulierung christdemokratischer Politik wurde in der Vergangenheit den Stellungnahmen der Kirchen zu Fragen der öffentlichen Moral zugeschrieben. So kommt im christdemokratischen Denken der Stellung der Familie eine besondere Bedeutung zu. Von einigen Wissenschaftlern wird der Christdemokratie zudem eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten (beispielsweise zwischen Arbeitern und Unternehmern) und eine im Vergleich zu anderen politischen Strömungen größere Bereitschaft zum politischen Kompromiss zugeschrieben. Typisch christdemokratische Parteien sind vor allem in Ländern mit einem starken katholischen Bevölkerungsanteil entstanden. Dort haben sie oftmals eine dominierende Position im Parteiensystem erlangt.

Die Christdemokratie hat sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Organisationen verwirklicht. Neben christdemokratischen Parteien brachte die Bewegung auch Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen hervor. Die Christlichen Gewerkschaften grenzten sich von den aus der sozialistischen Arbeiterschaft heraus entstandenen Gewerkschaften dabei stark ab. Teilweise wird in der Forschung sogar eine typisch christdemokratische Art des Wohlfahrtsstaates behauptet.

Arend Lijphart hat den Ansatz des consociational für die Demokratie entwickelt. Paolo Alberti und Robert Leonhardi sehen große Ähnlichkeiten mit der Christdemokratie. Beide sind aus einem pluralistischen Kontext entstanden, bei dem Eliten in einem aus Pfeilern aufgebauten Rahmen zusammenarbeiten, um das politische System zu stabilisieren. Es wird das Gemeinwohl betont und ein möglichst breiter Konsens gesucht. Die Ähnlichkeit sehen Alberti und Leonhardi in der Weise, wie in (früheren) christdemokratischen Parteien wie der italienischen Democrazia Cristiana und der niederländischen Katholieke Volkspartij soziale Gruppen aus der katholischen Welt vereint waren. Andere Parteien hatten auch Kontakte zu sozialen Gruppen, bei diesen Parteien hatten sie jedoch direkten Einfluss auf Parteiorgane und Wahllisten. [1]

In anderen Sprachen
Bahasa Indonesia: Demokrasi Kristen
Nederlands: Christendemocratie
português: Democracia cristã
srpskohrvatski / српскохрватски: Hrišćanska demokratija