Alexander Issajewitsch Solschenizyn

Solschenizyn, 1998

Alexander Issajewitsch Solschenizyn [ səlʐɨˈnʲitsɨn] ( russisch Александр Исаевич Солженицын, wiss. Transliteration Aleksandr Isaevič Solženicyn; * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek; † 3. August 2008 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller und Dramatiker. Er war 1970 Empfänger des Nobelpreises für Literatur. Sein Hauptwerk Der Archipel Gulag beschreibt detailliert die Verbrechen des stalinistischen Regimes bei der Verbannung und systematischen Ermordung von Millionen Menschen im Gulag.

Leben

Studium und Militärdienst

Solschenizyn begann vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein Studium der Mathematik und Philosophie in Rostow am Don. Bald darauf, am 7. April 1940, heiratete er die Chemikerin Natalja Alexejewna Reschetowskaja. [1] Ein Jahr später wurde er zum Kriegsdienst eingezogen.

Während des Krieges kämpfte Solschenizyn in der Roten Armee als Batteriechef einer Artillerieeinheit in einer Schallmesstruppe. Er nahm in dieser Funktion an der Schlacht bei Kursk, der Operation Bagration sowie der Weichsel-Oder-Operation in Ostpreußen teil. Seine Erlebnisse als Offizier während der Einnahme Ostpreußens schrieb er in Gedichtform im Band Ostpreußische Nächte (Прусские ночи) und als Erzählung in Schwenkitten ’45 (Адлиг Швенкиттен) nieder.

Überleben im Gulag

Ein Wachturm im Projekt 503 der Stalineisenbahn von Workuta nach Igarka

In den letzten Kriegsmonaten wurde er überraschend von der militärischen Spionageabwehr verhaftet und in das Moskauer Gefängnis Lubjanka überstellt, weil er, Leninist, in Briefen an einen Freund Kritik an Stalin geübt hatte. Nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches zu acht Jahren Haft verurteilt, verbrachte er diese Zeit in Arbeitslagern des Gulag, zunächst in einem Sonderlager für Wissenschaftler, wo er den ebenfalls inhaftierten Lew Kopelew kennenlernte. Seine Erfahrungen mit diesem Sonderlager verarbeitete er 1968 in dem Roman Der erste Kreis der Hölle (В круге первом). Später wurde Solschenizyn in den Lagerkomplex Ekibastus in Kasachstan verlegt. In diesem Lager arbeitete er schließlich in einer Gießerei.

Sowohl im Sonderlager zu Beginn seiner Gefangenschaft als auch im späteren Lager Ekibastus erlebte er den ständigen Kampf der Lagerinsassen ums Überleben und durchlebte die ständige Bedrohung durch den Hunger sowie Aufstände und unerfüllbare Arbeitsnormen, die immer wieder auch in seiner Nähe zum Tod der Insassen führten. Solschenizyn, der ehemalige Atheist und Anhänger des Kommunismus, beschreibt aber auch eine Form der geistigen Entwicklung durch die Leiden und Erfahrungen in dieser Zeit. Später bekannte er sich nachdrücklich zum orthodoxen Christentum. Der Stalinismus brachte hier selbst einen seiner härtesten, konsequentesten und später zumindest im Westen meistgehörten Gegner hervor.

1952, ein Jahr vor seiner Entlassung aus dem Gulag, ließ sich Solschenizyns Frau Natalja („Natascha“) von ihm scheiden. Dies geschah zunächst im gegenseitigen Einverständnis, um weiteren Repressalien durch das stalinistische System zu entgehen, da eine Ehe mit einem politischen Gefangenen zu Kündigungen oder Verfolgungen hätte führen können. Nach eigener Aussage blieb Natascha ihrem Mann während der ersten Jahre seiner Gefangenschaft von 1945 bis 1950 treu, und „ein Gefühl großer innerer Verbundenheit“ schien sich sogar noch zu vertiefen, obwohl beide sich in dieser Zeit oft nur wenige Male pro Jahr sehen konnten. [2] Schließlich jedoch wandte sich Natascha von ihm ab und ließ den neuen Assistenzprofessor ihres Institutes, Wsewolod Somow, der bereits einen Sohn hatte, bei sich einziehen. Solschenizyn erhielt im Lager von seiner Tante die Nachricht: „Natascha bat mich, Ihnen auszurichten, daß Sie Ihr Leben unabhängig von ihr einrichten können.“ [3]

Im vorherigen Jahr war Solschenizyn an Krebs erkrankt. Dies war einer der Gründe, warum Natascha ihm diese Entwicklung erst später durch die Tante mitteilen ließ. Im Lagerkrankenhaus wurde das Krebsgeschwür herausoperiert, und es bestand die Hoffnung, dass sich keine Metastasen gebildet hatten.

Verbannung

Im Februar 1953 wurde Solschenizyn aus der Lagerhaft entlassen, allerdings bis ans Lebensende verbannt. Als Verbannungsort zugewiesen wurde ihm die kleine Ortschaft Kok-Terek in der Steppe Kasachstans. Kurz nach seiner Ankunft erfuhr er hier vom Tod Stalins am 5. März 1953. Trotz seiner Freude hielt er sich aber bedeckt und begann lediglich die Suche nach einer besseren Unterkunft nach diesem „herrlichen Geschenk“, wie es Donald Thomas in seiner Biografie über Solschenizyn beschreibt. [4] Nachdem er anfangs als „Politischer“ (Kurzform für politischer Häftling) keine Anstellung finden konnte, erhielt er nun schließlich eine Anstellung als Lehrer für Mathematik, Physik und Astronomie.

„Ich – in einer Klasse, die Kreide in der Hand! Das war er, der Tag meiner Befreiung, meiner Wiedereinsetzung in die Staatsbürgerrechte. Alles, was sonst noch zur Verbannung gehörte, bemerkte ich nicht mehr.“ [5]

Im Dezember des Jahres 1953 musste er sich aufgrund eines faustgroßen Tumors in der Bauchhöhle erneut einer Behandlung unterziehen, dieses Mal in einem Taschkenter Krankenhaus, in dem er zuletzt im Jahr 1955 bestrahlt wurde. Die Überlebenschance lag dabei zunächst bei unter 30 %. Die Erfahrungen dieser Behandlung verarbeitete er später im Roman Krebsstation (Раковый корпус). [6]

Leben in der Sowjetunion nach der Verbannung

1957 wurde Solschenizyn offiziell rehabilitiert, die Verbannung wurde aufgehoben. Man konnte angesichts seiner Krebserkrankung davon ausgehen, dass er bald sterben würde. Er lebte danach in Rjasan, wo er als Lehrer arbeitete. Die Zeit war von der Wiederannäherung an Natascha, die er 1957 erneut heiratete, [7] und von großem Arbeitseifer geprägt. Er sah es als seine Aufgabe, den zum Schweigen Gebrachten seine Stimme zu leihen. Er zog sich oft in abgelegene Hütten abseits der Zivilisation zurück, um ungestört schreiben zu können. Natascha unterstützte ihn persönlich und finanziell und ermöglichte es ihm, seine Unterrichtsverpflichtungen zugunsten seiner literarischen Arbeit zu verringern.

1962 verfasste er eines seiner bekanntesten Werke, die Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch. Im September 1962 waren diverse Dichter auf Chruschtschows Datscha am Schwarzen Meer eingeladen. Chruschtschow lernte bei dieser Gelegenheit die Erzählung kennen und gestattete ihre Publikation. Dies führte nach mehr als einem Jahr der vergeblichen Bemühungen des Herausgebers der Nowy mir, Alexander Twardowskis, endlich zur Publikation des Werkes.

Nach dem Sturz Chruschtschows (1964) war kein Platz mehr für Solschenizyns Kritik an den Verhältnissen in der Sowjetunion. Der KGB beschlagnahmte im September 1965 das Originalmanuskript seines Romans Der erste Kreis der Hölle. 1969 wurde Solschenizyn aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. Den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1970 nahm er nicht persönlich entgegen, da er befürchtete, nach der Verleihungszeremonie nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren zu können.

1972 ließen sich Solschenizyn und seine erste Frau Natalja zum zweiten Mal scheiden. 1973 heiratete er seine zweite Frau, Natalja Dmitrijewna Swetlowa (* 1939), eine Mathematikerin, die einen Sohn aus einer früheren Ehe mitbrachte. [8] Das Paar bekam drei Söhne: Jermolai (* 1970), Ignat (* 1972) und Stepan (* 1973). [9]

In seinem monumentalen Hauptwerk Der Archipel Gulag (Архипелаг ГУЛАГ) beschrieb Solschenizyn das sowjetische Lagersystem ( Gulag). Das historisch-literarische Werk wurde unter Zeitdruck im Tamisdat veröffentlicht, nachdem der KGB das Manuskript des ersten Teils entdeckt hatte. Nach Verhaftung am 13. Februar 1974 und ihm im Gefängnis vorgetragener „Anklage nach Paragraph 64“ (Landesverrat) [10] wurde Solschenizyn am 14. Februar aus der Sowjetunion ausgewiesen und am selben Tag nach Frankfurt am Main ausgeflogen.

Exil und Heimkehr

Solschenizyn in Wladiwostok, 1994

Solschenizyn fand zunächst Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland bei Heinrich Böll, später lebte er in Sternenberg (Kanton Zürich). Die längste Zeit dieser zweiten Verbannung verbrachte er siebzehn Jahre lang im US-Bundesstaat Vermont in Cavendish.

Im Jahr 1990 wurde Solschenizyn rehabilitiert und bekam seine sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Er kehrte am 27. Mai 1994 nach Russland zurück. [11]

Alexander Solschenizyn starb am 3. August 2008 im Alter von 89 Jahren in seinem Moskauer Haus und im Kreis seiner Familie an den Folgen eines Schlaganfalls. Er hinterließ seine Witwe und die drei Söhne. Die Beisetzung fand am 6. August 2008 im Moskauer Donskoi-Kloster statt.

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